von Sebastian Ludwicki-Ziegler

Lehren aus PEGIDA: Die „Lügenpresse“

Das Vertrauen bewegt sich auf konstant niedrigem Niveau. (Foto: Michael Bär / flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

In den vergangenen Wochen und Monaten rückten die Pegida-Proteste in den Fokus medialer Berichterstattung. Die Medien selbst gerieten einmal mehr in die Schusslinie der Demonstranten und waren Gegenstand schier endloser Diskussionen. Umso bedauerlicher ist, dass das Niveau der Beiträge kaum gehaltvoller war, als das was sie vorgaben zu kritisieren. Eine Klarstellung zu den Schattenseiten der vermeintlichen „Lügenpresse”. 

Medialer Überraschungserfolg?

Journalisten haben Pegida bereits kurze Zeit nach ihrem ersten Auftreten begleitet. Nicht nur der Protestzug an sich, sondern auch die jeweiligen Führungspersonen standen im Fokus. Weder das stete Anwachsen an Sympathisanten und „Mitläufern“, noch das steigende mediale Interesse waren sonderlich überraschend.

Die Themen der Demonstranten, ein diffuser Komplex aus Asyl, Zuwanderung, (politischem) Islam und „Parallelgesellschaften“, haben seit Jahren einen festen Platz auf der öffentlichen und medialen Agenda. Ein Blick auf die Bestsellerlisten, Leitartikel oder Polittalkshows macht deutlich, dass die Themen keineswegs nur am Stammtisch zu Hause sind. Die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit verlieh dem Ganzen lediglich einen zusätzlichen Schub: „Scharia-Polizei“ in Wuppertal, steigende Flüchtlingszahlen, Anschläge in Frankreich und Dänemark.

Bedeutung der Massenmedien

Im Zuge des entfachten „Medienhypes“ um Pegida wuchs die Skepsis über die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung. Journalisten wurde nicht nur mit Misstrauen begegnet, sie wurden seitens der Demonstranten regelrecht angefeindet. Auch wenn die Vorwürfe abwegig waren, lohnt es sich auf die Befangenheit der Massenmedien einzugehen. Nicht nur, weil Pegida sich dazu unüberhörbar äußerte, sondern auch, weil sich das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber Journalisten seit Jahren auf konstant niedrigem Niveau bewegt.

Die herausragende Stellung der Presse innerhalb des politischen Systems macht es notwendig, sich mit diesem Misstrauen intensiv auseinanderzusetzen. Nicht nur für die Politik auf nationaler Ebene, sondern auch für die Niederungen der Landes- und Lokalpolitik sind die Massenmedien ein zentraler Akteur. Ganz allgemein sind diese für nahezu jedes soziales System von Bedeutung: sie sind maßgebender Faktor für die Wahrnehmung der Realität des einzelnen Individuums. Massenmedien entscheiden allerdings weniger darüber, wie über etwas geredet wird, sondern vielmehr über was geredet wird.

Unabhängigkeit der vierten Gewalt

Viel zu selten wird dieses Misstrauen thematisiert. Wenn doch, sind die Beiträge meist reichlich oberflächlich oder vorurteilsbehaftet. Das gilt allerdings nicht nur für Verlautbarungen diverser Pegidisten, sondern auch für die vielgescholtenen Massenmedien. Die idealistischen Maßstäbe, die an die Medien angelegt werden, sind für eine konstruktive Debatte wenig förderlich. Auch Missverständnisse gegenüber dem journalistischen Arbeitsalltag und irrige Annahmen über die Einflussfaktoren, die auf die Presse einwirken, verhinderten einem dem Thema angemessenen Meinungsaustausch.

Grundsätzlich sollten sich die Konsumenten darüber bewusst sein, dass keine Berichterstattung unabhängig sein kann - losgelöst von jedweden Einflüssen. Wer nicht gerade in der komfortablen Situation finanzieller Unabhängigkeit ist und über eine Menge (Frei-)Zeit für journalistische Betätigung verfügt, kann schwerlich als vollkommen frei bezeichnet werden. Und selbst wenn ein solcher Idealzustand möglich wäre, objektiv wäre die Berichterstattung deshalb noch lange nicht.

Die Meinung des jeweiligen Journalisten würde sich dann in Themenauswahl und Betrachtungsweise widerspiegeln. Nicht ohne Grund hat sich in der Literatur der Begriff der „dualen Rolle der Medien“ etabliert. Medien sind nicht nur neutrale Informationsübermittler, sondern immer auch politischer Akteur. Mit anderen Worten: Journalisten können den Idealen der totalen Objektivität und absoluten Unabhängigkeit gar nicht gerecht werden.

Angst vor der Quote

Journalisten sind verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Da wären zum einen die Herausgeber zu nennen, deren Hauptinteresse das Generieren von Gewinn ist. Einnahmen werden hauptsächlich aus den Verkaufserlösen sowie an der Veräußerung von Werbeplätzen gewonnen. Es besteht demnach ein nachhaltiges Interesse, dass insbesondere der Rezipient langfristig an das jeweilige Medium gebunden wird. Der Konsument liest, hört und schaut allerdings nur das, was ihm als interessant und realistisch erscheint.

Eine Berichterstattung, die inkompatibel mit dem Weltbild seines Betrachters ist, wird ignoriert. Ebenso ergeht es Themen, die als irrelevant oder uninteressant wahrgenommen werden.

Oft fehlt es stichhaltigen Informationen. (Foto: strassenstriche.net / flickr.com, Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Die Behauptung der medialen Verschwörung zur Meinungsmanipulation ist dahingegend abwegig: Geschrieben wird vor allem das, was gelesen wird. Diese Erkenntnis prägt den Arbeitsalltag der Chefredaktion und des Journalisten. Angefangen von der Themensetzung, bis hin zu der Aufarbeitung und Präsentation der Informationen.

Die inhaltiche Ausrichtung ist massiv von der zu erreichenden Zielgruppe abhängig. Andere Einflussfaktoren wie Interessengruppen oder Politiker müssen sich dem Umstand unterordnen. Allzu große Einflussnahme führt zu Ansehensverlust und geringerer Reichweite. Aber auch der Mangel an interessanten Exklusivinformationen – die aus einer Vermeidung zu inoffiziellen Kontakten von Journalisten zu Politik und Wirtschaft resultiert – führt zur Abwanderung des Konsumenten zur Konkurrenz.

Schleier des Nichtwissens

Eines der größten Probleme im Journalistenalltag ist der Mangel an Informationen, insbesondere bei aktuellen Ereignissen von größerer Bedeutung. Nicht immer, besonders wenn die Ursachen von politischen Entwicklungen betrachtet werden sollen, lassen sich Geschehnisse durch eine einfache Recherche erklären. Wenn unmittelbar beteiligte Personen oder Organisationen die Mitarbeit auch noch verweigern, sind es normalerweise ausgewiesene Experten, die dem Journalisten und dessen Publikum Auskunft geben könnten.

Drei Aspekte sind im Umgang mit Experten durch Journalisten von zentraler Bedeutung:

  1. Um aktuelle Entwicklungen zu analysieren, muss der Journalist sein fehlendes Wissen erkennen können und aktiv nach Informationsquellen suchen wollen.
  2. Um Kompetenz und Stichhaltigkeit zu gewährleisten, muss der Journalist einen Experten hinzuziehen und beurteilen können, ob die Expertise stichhaltig ist und auf einem breiten Konsens innerhalb des Fachgebietes fußt.
  3. Um weitere Unterstützung hinzuziehen, benötigt der Journalist die entsprechenden Ressourcen, zum Beispiel Netzwerke und finanziellen Rückhalt.

Folgen inkompetenter Berichterstattung

Die Beiträge zum NSU-Prozess zeigen, inwiefern sich mangelnde Sachkenntnis auf die Art und Weise der Berichterstattung auswirken. Es war „beeindruckend” wie Journalisten ohne jedwede juristische oder kriminalistische Ausbildung das Vorgehen der Behörden, des Richters oder der Verteidiger kommentieren konnten.

Wirklich beeindruckend wäre es jedoch gewesen, wenn die Gerichtsreporter zumindest eine grundsätzliche Vorstellung von der Strafprozessordnung und den Aufgaben von Nebenkläger, Richter, Staatsanwalt und Verteidigung haben würden. Einige Kommentare über unzureichende Aufklärung oder angeblich respektlose Anträge wäre dem Leser dann wohl erspart geblieben.

Gleiches ließe sich auch von Pressevertretern sagen, die über die Veröffentlichung von Studienergebnissen berichten, ohne über ausreichende Erfahrungen in der qualitativen und quantitativen Sozialforschung zu verfügen. Etlichen Journalisten schien es beispielsweise kaum aufzufallen, dass die ersten Untersuchungen zu Pegida methodisch alles andere als einwandfrei verlaufen sind. Für diese Erkenntnis wäre es nicht mal notwendig gewesen, sich intensiv mit der Studie zu befassen. Allein ein Blick in die Präsentation und die Presseerklärung hätte dann - entsprechende Kenntnisse vorausgesetzt - zu einer weit kritischeren Berichterstattung führen müssen.

Neben dem Fehlen fundamentaler Sachkenntnisse und analytischem Handwerkszeug, kann auch ein Mangel an theoretischen Grundlagen zu Merkwürdigkeiten und Missverständnissen in der Berichterstattung führen. So wird sich beispielsweise seit Jahren an dem von Backes und Jesse vertretenen Extremismusmodell abgekämpft und auch so mancher Journalist bezieht kritisch dazu Stellung, zum Beispiel der NDR-Journalist und Blog-Betreiber Patrick Gensing.

Trotz heftigem Streit hat sich in der Politikwissenschaft bislang kein Konsens für oder gegen das Modell herausgebildet. Grundsätzlich scheinen die Kritiker nicht zu wissen, was ein Modell leisten soll und kann. Ansonsten wäre klar, dass das Hufeisenmodell den Links- und Rechtsextremismus in ihrer Gefährlichkeit nicht gleichsetzt. Das Modell macht genau genommen nicht einmal eine abschließende Aussage darüber.

„Experten”-Meinungen

Hochpolitisierte Themen scheinen prädestiniert, den Mangel an Wissen durch guten Willen und bloße Meinung ausgleichen zu wollen. Asyl, Zuwanderung und Islam gehören zu jenen Themen, bei denen es oft um die Position und weniger um Kompetenzen geht. Politischer Populismus und extremistische Phänomene sind ebenfalls davon betroffen. Insofern verwundert es nicht, dass nur wenige Beiträge zu Pegida qualitativ hochwertig waren.

Journalisten können die Debatte nicht kontrollieren. (Foto: Birger Hoppe / flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0)

Ein interessantes Beispiel für den Mangel an journalistischer Urteilungsfähigkeit ist der Fall des viel zitierte Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen. Dieser gab bereitwillig Auskunft darüber, aus welchen Bevölkerungsschichten sich der Demonstrationszug zusammensetzen würde. Nun mag dieser tatsächlich „die untere Mittelschicht, Unternehmer, Kleinbürger“ beobachtet haben, aber inhaltlich korrekte Aussagen über die soziostrukturelle  Zusammensetzung von Pegida hat er wohl nicht geben können. Wie auch? Es lagen zu diesem Zeitpunkt weder repräsentative Daten darüber vor, noch dürfte er in der Lage gewesen sein mehr als einen winzigen Bruchteil der Demonstranten zu identifizieren.

Nun gibt es auch aus der Wissenschaft Personen, die durchaus über die Mittel und das Wissen verfügen, detailierte Informationen und Analysen zu liefern. Allerdings bedeutet das nicht, dass der Journalist aus der Pflicht zur akkuraten und kritischen Berichterstattung entlassen ist. Obgleich bis Januar keine Studien zu Pegida vorlagen, wurden Politikwissenschaftler gebeten, die Ereignisse zu kommentieren. Offensichtlich sah sich jedoch kein Medienvertreter genötigt zu fragen, auf welcher Datengrundlage behauptet wird, dass Pegida eine „Art schweigende Mehrheit, eine Art abgehängte Bevölkerungsschicht” sei (O-Ton Professor Dr. Werner J. Patzelt).

Ressourcenmangel und ihre Folgen

Die aufgeführten Beispiele sind nicht immer auf Selbstüberschätzung oder völlige Unwissenheit zurückzuführen. Die meisten Journalisten haben nicht nur ein Volontariat sondern meist auch ein Hochschulstudium abgeschlossen. Im Allgemeinen gilt jedoch, dass Journalisten vor allem Generalisten und keine Spezialisten sind - ein Umstand, der gerade bei komplexeren Themen problematisch ist. Pressevertreter sind demnach in aller Regel keine Experten, doch müssten sie zumindest über grundlegende analytische Fähigkeiten verfügen und eine gewisse Affinität zum kritischen Denken vorweisen. Im Idealfall ermöglicht dies auch die Erkenntnis, dass Fachwissen eines Experten auf dem Gebiet benötigt wird.

Oft jedoch bleibt dafür keine Zeit. Pressetermine sind meist dicht getaktet, Hintergrund- und Expertengespräche wiederum sehr zeitraubend in der Vor- und Nachbereitung. Selbst wenn Raum dafür vorhanden ist und der identifizierte Experte Willens wäre Auskunft zu erteilen, können entsprechende Gespräche immer noch an den Honorarforderungen oder den Zeitplänen des jeweiligen Fachpersonals scheitern.

Zum Teil wird das Hinzuziehen einer Expertise auch deshalb vermieden, weil eine gewisse Skepsis gegenüber der Allgemeinverständlichkeit von Spezialisten seitens der Medien herrscht. Das eine Expertenanalyse intellektuell hochwertig, unterhaltend und verständlich sein kann, gilt zum Teil als völlig ausgeschlossen. Die Kolumne von Bundesrichter Thomas Richter ist nur ein Beispiel dafür, dass diese Misstrauen unbegründet ist.

Journalist: Politiker auf Abruf?

Freilich spielen auch die politischen Ansichten des Redakteurs eine Rolle. Dies fällt beispielsweise bei der Auswahl der Experten auf, die als Sachverständige in die Berichterstattung eingebunden werden. Oft wird auf jene Vertreter zurückgegriffen, denen die eigene Position verhältnismäßig nahe steht. Ob dessen Position eine Mehrheitsmeinung innerhalb ihrer Disziplin darstellt oder eher Exotenstatus genieß, spielt bei der Auswahl kaum eine Rolle.

Journalisten können Themen setzen und Deutungen anbieten, die Debatte aber nicht kontrollieren. Der Einfluss der politischen Position des jeweiligen Pressevertreters ist dadurch beschränkt und demzufolge können weder Journalisten noch andere Akteure über die Medien den Verlauf des öffentlichen Diskurses entscheidend beeinflussen.

Es bleibt festzuhalten, dass die Vorbehalte gegen Journalisten nicht vollkommen unberechtigt sind. Das Fehlen von Resourcen, Fachkompetenz und Problembewusstsein sind mögliche Ursachen für ungenügende Auseinandersetzung mit Themen und deren angemessene Berichterstattung. Nichtsdestotrotz sind die Vorbehalte als „Lügenpresse“ heillos übertrieben. Es ist nicht der Wille zur Manipulation der Konsumenten, sondern die zahlreichen Faktoren denen der Journalist im Berufsalltag ausgesetzt ist.

Häufig vernachlässigt wird auch die Nachfrage-Orientierung der Medien. In der Auswahl der Themen und ihrer Präsentation orientieren sich die Medienunternehmen aufgrund von finanzieller Abhängigkeit an den Interessen der Konsumenten. Letzlich sind es also die Bürger selbst, welche die Berichterstattung der Medien maßgeblich prägen. Sie sind direkt und indirekt der Finanzier jedweden medialen Ereignisses. Aus diesem Grund hat es schon eine gewisse Ironie, dass sich der Schlachtruf „Lügenpresse“ in dieser Dimension ausbreiten konnte.

Sebastian Ludwicki-Ziegler ist Doktorant an der University of Glasgow. Der Politikwissenschaftler ist darüber hinaus in der politischen Bildung engagiert – derzeit als General Teaching Assistant.

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