von Hans Lorenz

„Unsicherheit spielt Pegida in die Karten“

„Pegida zeigt eindrucksvoll, wie groß die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist.“ (Foto: Lisa Kaiser)

Jeden Montag schaut die gesamte Republik nach Dresden. Haben die Pegida-Proteste bald ein Ende oder geht es immer weiter? Das Couragiert-Magazin hat bei Katharina Trittel vom Göttinger Institut für Demokratieforschung nachgefragt.

Couragiert-Magazin: Frau Trittel, vor gut einem Jahr prognostizierten viele das Ende von Pegida. Warum ist das nicht eingetroffen?

Katharina Trittel: Im Januar hatte Pegida gemessen an den Teilnehmerzahlen einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, statt im Dezember im Vorweihnachtstrubel und nach einer mehrwöchigen Demopause an Relevanz zu verlieren; der erneute Zulauf lag nicht zuletzt an dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Erst im Sommer waren die Zahlen rückläufig.

Gibt es dafür eine Erklärung?

Es ist schwierig, genaue Gründe zu benennen, doch sicherlich war die Sommerzeit aufgrund von Ferien eine demonstrationsschwächere Zeit, auch fehlte nach der Oberbürgermeisterwahl in Dresden ein Mobilisierungsantrieb, bevor die immer weiter steigenden Flüchtlingszahlen der Bewegung wieder zu einem Aufschwung verholfen haben. Die Unsicherheit, wie diese Situation zu bewältigen ist, spielt Pegida in die Karten.

Woher nehmen die Demonstranten ihre Motivation, jeden Montag auf die Straße zu gehen?

Zwei Faktoren sind hier besonders wirkmächtig. Sie haben das Gefühl, für die Mehrheit in Deutschland, für „das Volk“, zu sprechen, was ihnen in ihren Augen eine sehr starke Legitimierung verschafft – man fühlt sich im Recht und in der Mehrheit. Außerdem bietet Pegida ein Gemeinschaftserlebnis. Man trifft dort Bekannte, kämpft für eine gemeinsame Sache, verteidigt gemeinsame Werte, die man existentiell bedroht sieht. 

Was muss die Gesellschaft tun, um den Organisatoren ihre Anziehungskraft zu nehmen?

Das ist eine schwierige Frage, denn Protest ist in einer Demokratie zunächst natürlich legitim. Gesamtgesellschaftlich muss es nicht zwangsläufig darum gehen, gezielt gegen Pegida vorzugehen, sondern sie eben durch Argumente und Handeln zu delegitimieren. Das ist insbesondere für Politiker natürlich nicht einfach, weil der politische Diskurs ganz anders funktioniert als der im öffentlichen Raum, auf der Straße. Grundsätzlich ist es wichtig, die eigene Position zu stärken, mit den Phänomenen, die Pegida Zulauf verschaffen, offensiv und konstruktiv umzugehen, anstatt auf die Schwächung der Organisatoren von Pegida abzuzielen.

Natürlich wird es auch immer Ereignisse geben, durch die Pegida sich möglicherweise selbst schwächt, wie die Rede von Akif Pirinçci beim Pegida-Jubiläum. Sie können aber auch gegenteilig einen Zulauf anderer Gruppen bedeuten. Die Voraussetzung ist indes zunächst, zu verstehen, was Pegida und ihre Organisatoren charismatisch macht. 

Pegida radikalisiert sich zunehmend - Beispiel: Galgen-Attrappen. Was sagt das über die Bewegung aus?

Zunächst einmal ist eine gewisse Eigendynamik zu beobachten, doch die genauen Wirkungszusammenhänge zwischen solchen Ereignissen und einer vermeintlichen Radikalisierung müssten genauer erforscht werden. Solche Symbole sind auch auf anderen Demonstrationen zu sehen; ob Pegida tatsächlich die Grenzen des Diskurses verschiebt, Gewalt oder Gewaltandrohungen den Weg bereitet, ist natürlich naheliegend, jedoch nicht zwingend der einzig logische Schluss. Ebenso ist nicht eindeutig, ob dieses Potential wirklich neu ist.

Der Mob tobt auch in anderen Städten. Immer mehr Politiker echauffieren sich öffentlich über den Merkel‘schen Kurs. Haben die Gewählten Angst vor der Konfrontation mit dem „Volk“?

Dafür fehlt uns die Grundlage, um darüber zu urteilen. Die Konfrontation ist ja bereits im vollen Gange und sie forciert, dass Politiker sich dazu positionieren. In einer Situation, die nicht nur von Pegida als Belastungsprobe für unsere Gesellschaft empfunden wird, kann das auch positiv sein. Es geht bei dieser Herausforderung in erster Linie darum, klar Position zu beziehen, vor allem, weil es keine kurzfristigen Lösungen gibt. Und da gehört es dazu, dass sich Politiker dem artikulierten Unmut stellen und schließlich auch langfristige Konzepte präsentieren.

Auch auf die Gefahr, dass es am Ende nicht so eintrifft: Wie lange wird der Zulauf anhalten?

Solche Entwicklungen sind schwer vorhersehbar und von vielen, auch zufälligen Faktoren abhängig. Unter anderem auch davon, welche Strategie Pegida verfolgt. Sie haben schließlich die Gründung einer eigenen Partei angekündigt – eine solche könnte Kräfte binden und die Bewegung auf der Straße auf Dauer schmälern. Auf der anderen Seite subsumieren sich unter dem Label Pegida ja längst diverse Initiativen und Bürgergruppen, die sich beispielsweise gegen Flüchtlingsunterkünfte in ihren Orten engagieren, es findet also ein Zulauf in der Breite statt, an den auch etablierte Akteure andocken können.

Was werden wir am Ende von den Protesten gelernt haben?

Dass Pegida, auch wenn es schwer auszuhalten sein mag, zur Demokratie gehört und dass es für eine Gesellschaft, gerade in einer Sattelzeit wie momentan, wichtig ist, ihre Einstellungen und Werte zu diskutieren, gegebenenfalls auch neu auszuhandeln. Dazu könnte Pegida einen Anstoß geben, sich nicht nur gegen Pegida zu stellen, sondern auch benennen zu können, welche eigenen Vorstellungen einer Demokratie und Gesellschaft man stattdessen befürwortet.

Aus unserer Forschung zu den NoPegida-Protesten wissen wir, dass die Gegenproteste als zusammenführendes Element von vorher nebeneinander stehenden Gruppen und Netzwerken dienten, die nunmehr eine gemeinsame Basis der Zusammenarbeit gefunden haben.

Noch mehr?

Zusätzlich zeigt Pegida eindrucksvoll, wie groß die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach gemeinsamen Symbolen und Ritualen, einer kollektiven Identität ist. Der Begriff Gemeinschaft ist gerade in Deutschland sehr belastet, die Assoziation zu einer homogenen Volksgemeinschaft sehr nah. Vielleicht könnte es aber auch möglich sein, ihn als Gegenentwurf zu Pegida neu und positiv zu besetzen im Sinne eines Zusammenhalts in einer heterogenen Gesellschaft. Pegida nötigt uns also die Frage auf, wie wir uns Zusammenhalt und Gemeinschaft in unserer heutigen Demokratie vorstellen. Pegida erinnert uns aber auch daran, den dort teilweise geäußerten antidemokratischen Tendenzen  etwas entgegen zu setzen. 

Das Interview führte Hans Lorenz.

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