Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Ostsee-Punks: Mucke, Party, Politik

Wahlkampfzeit

Die Musik und Konzerte von Feine Sahne Fischfilet leben von klaren Botschaften. (Foto: Markus Werner)

Abertausende Touristen aus nah und fern belagern dieser Tage die weitläufigen Ostseestrände. Ferienzeit, strahlender Sonnenschein und Temperaturen um die 30 Grad sind die natürlichen Feinde der eifrig wahlkämpfenden Parteien in Mecklenburg-Vorpommern. Eineinhalb Monate vor der Landtagswahl steckt der politische Wettstreit im Sommerloch. Die Kandidatenschar will die Lethargie unbedingt durchbrechen, besonders weil die Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt immer noch nachwirken.

Im Nordosten des Landes deuten sich am rechten Rand ähnliche Ergebnisse an. Die AfD liegt nach einer Umfrage von Infratest dimap bei 19 Prozent. Damit würde die Partei nicht nur zum ersten Mal in den Landtag einziehen, sondern im September auch zur drittstärksten Fraktion aufsteigen. Und selbst die NPD, die lange als abgeschlagen galt, rangiert nur knapp hinter der Fünf-Prozent-Hürde, die über den Widereinzug und das weitere Bestehen der Rechtsextremen um Udo Pastörs entscheidet.

Das märchenhafte Schweriner Schloss könnte zum ersten Landesparlament werden, in dem AfD und NPD gemeinsam vertreten sind – eine Prophezeiung, die alle Parteien von Linkspartei bis CDU und die engagierte Zivilgesellschaft gleichermaßen umtreibt. Aus diesem Grund hat die Band Feine Sahne Fischfilet die Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch – Zusammenhalten gegen den Rechtsruck“ gestartet und lädt in den nächsten Wochen zu Vorträgen oder einem antirassistischen Fußballturnier.

Zu den Mitwirkenden gehören zum Beispiel Fernsehkoch Ole Plogstedt und die deutschsprachige Rockgruppe Jennifer Rostock. Frontfrau Jennifer Weist ist eng mit dem nördlichen Bundesland verbunden, wuchs auf der Insel Usedom auf und ist für ihr politisches Engagement bekannt. Auch die Initiatoren und Bandmitglieder von Feine Sahne Fischfilet stammen allesamt aus dem Großraum zwischen Rostock und Greifswald. Mit der Neonaziszene sind sie selbst oft aneinandergeraten.

Bedeutende Stimme der Antifa

Und auch über die Werte einer Demokratie können die sechs Musiker genug erzählen, werden die Punker seit langem vom Verfassungsschutz beobachtet. Warum? Die Band sagt ziemlich direkt, dass sie auch vor Gewalt gegen Neonazis nicht zurückschrecken würde. In den Berichten des Nachrichtendienstes wurden Interviews, Songtexte und Facebook-Einträge der Musiker dokumentiert. Mit jeder Erwähnung wurde die Band bekannter, weil sie damit offen und oft ironisch umgeht.

Ihre politischen Inhalte sind kein Marketinginstrument, die Musik vielmehr ein Werkzeug, um ihre ganz eigenen Ideen unters Volk zu bringen. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Band so zu einer bedeutenden Stimme der Antifa geworden. Sänger Jan Gorkow hält nichts von „Bratwurst essen gegen rechts“, sondern findet Blockaden gegen Naziaufmärsche sinnvoller. Im letzten Jahr war er Praktikant bei der Thüringer Linken-Abgeordneten Katharina König, die ebenfalls Teil von #Nochnichtkomplettimarsch ist.

Ansonsten hält die Band offensichtlich wenig vom politischen Engagement der Parteien, wie sie in ihrer Einladung deutlich machen: „Wir werden uns bei unseren Aktionen nicht auf Parteien verlassen. Wir werden unabhängig und selbstbewusst dort hingehen, wo die demokratischen Kräfte längst von der Bildfläche verschwunden sind.“ Ihre Kampagne, die morgen Abend in Greifswald ihren Auftakt feiert, beschreiben sie selbst als kulturelle Offensive in Mecklenburg-Vorpommern.

Nichtsdestotrotz sei Gorkow bewusst, „dass die AfD und die NPD Wahlerfolge erzielen werden und dass wir das rassistische Klima nicht aufhalten können“. Ihren Mut verliert die Band deshalb nicht. „In jedem Dorf gibt es gute Leute, die etwas bewegen wollen und Alternativen zur rechten Tristesse leben. Menschen, die nicht danach schauen, woher du kommst, sondern darauf achten, was du im Herzen hast. Gemeinsam werden wir in den nächsten Wochen mal so richtig schön auf die Kacke hauen.“

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