von Ralf-Uwe Beck

Pegidas Angst vor Gespenstern

Werte des Abendlandes

"Bürger wollen mitentscheiden, wohin es gehen soll." (Foto: Mehr Demokratie / flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Geht es um die Menschenwürde, gehört jedes Wort auf die Goldwaage. Auch hier: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz: Pegida. Man kann diese Flagge hin und her wenden, sich um Verständnis mühen, Ängste menschlich und Ohnmachtsgefühle erklärbar finden, letztlich aber kreisen die „Angstbürger“ um den Islam und um Flüchtlinge. Daraus rühren sie eine Bedrohung des Abendlandes zusammen. 

Dies schürt Ängste vor Minderheiten im Land und vor Menschen, die hier Zuflucht suchen. Demonstranten betonen hin und wieder vor laufender Kamera, Pegida sei nicht ausländerfeindlich. Wer aber unter einer solchen Flagge mitläuft, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, eine Islam- und Ausländerfeindlichkeit in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Damit wird erst die Lunte ans Abendland gelegt, die dann mit heroischer Geste ausgetreten werden soll.

Diffuses Politikverständnis

Dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, in Aufnahmelagern nicht genug zu Essen bekommen, obwohl sie hier Zuflucht finden könnten, das stellt dieses Abendland und seine Werte in Frage – nicht die Muslime, die hier leben. Kern eines Abendlandes, dem christliche Werte unterstellt werden, ist doch gerade, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Dieser Stern ist über dem Stall in Bethlehem aufgegangen, strahlt also aus dem Morgenland herüber.

Aber diffus sind nicht nur Pegidas Vorstellungen von diesem Abendland, sondern auch ihr Politik- und Demokratieverständnis. Wer mit seinen Forderungen auf die Straßen und Plätze zieht, will die Gesellschaft, will die Politik auf sich aufmerksam machen. Das ist Pegida nun wirklich gelungen. Mittlerweile sind auch Forderungen aufgeschrieben, ein Blatt mit 19 Punkten. Aber darüber reden wollen sie nicht, jedenfalls nicht mit den Medien und nicht mit der Politik.

Pegida: pubertär und trotzig

Gesprächsangebote, Einladungen zu Diskussionsforen oder Talkrunden werden weitestgehend ausgeschlagen. Andere Vereine lecken sich alle zehn Finger danach. Pegida wird exklusiv eingeladen, gibt sich aber pubertär und trotzig. Wie aber wollen sie ans Ziel kommen, wie ihre Forderungen durchsetzen? Im Ringen um die beste Lösung geht es gerade darum, sich nicht in einer Front – hier die Politik, dort die Bürger – zu verfangen, sondern diese aufzubrechen. 

Zum politischen Erwachsenwerden gehört bestimmt der Mut, eine Meinung durchzuhalten, aber, wie es Friedrich Hebbel sagt, braucht es noch mehr Mut, sie zu ändern. Gerade im Gespräch können sich Meinungen entwickeln – vom Niederen zum Höheren. Wer Angst vor Gespenstern hat, sich aber weigert, das Licht anzuknipsen, will sich in seiner Angst einrichten. Er beharrt auf der Angststarre, um sich selbst nicht bewegen zu müssen. 

Direkte Demokratie ist unverzichtbar

Hier liegt die Verweigerung von Pegida begründet. Es ist einfacher, mit dem Finger auf die Politik zu zeigen, als sich selbst zum Teil der Politik zu machen. Natürlich genügt es nicht, wozu sich Politiker gern selbst ermahnen, politische Entscheidungen oder deren Ausbleiben nur besser erklären zu wollen. Bürgerinnen und Bürger wollen nicht nur „mitgenommen“, also an die Hand genommen werden, sie wollen auch mitentscheiden dürfen, wohin es eigentlich gehen soll.

Dabei ist die direkte Demokratie unverzichtbar. Sie muss in den Ländern ausgebaut und auf Bundesebene endlich eingeführt werden. Selbstbestimmt zu leben, ist unser Recht und gehört zu unserer Menschenwürde. Können wir uns aber in unsere eigenen Angelegenheiten einmischen und notfalls selbst entscheiden, dann kehrt sich der Finger, mit dem wir auf die Politik zeigen, auf uns selbst zurück.

Dann liegt es an uns, wie es um uns bestellt ist, dann machen „die da oben“ etwas weniger, „was sie wollen“ und etwas mehr, was wir wollen. Pegida-Demonstranten, die ernst genommen werden wollen, werden sich der Diskussion stellen, über Feindbilder und pauschale Kritik hinauswachsen müssen. Und die Gesellschaft, so schwer dies im Umgang mit Pubertierenden auch sein mag, muss sich gesprächsbereit halten. Das Gespräch ist die Seele der Demokratie.

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