Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Die Liebe zur neuen Heimat

Cuxhaven

Um ihre Sympathie mit der Stadt auszudrücken, tauften die Jugendlichen den Film „Neue Liebe“. (Foto: Crealic)

Ein riesiger bunter Drachen gleitet über das Nordsee-Watt vor Cuxhaven. Im tiefen, aufgewühlten Schlammboden steht ein junger Mann mit hochgekrempelten Hosenbeinen – das kalte Ebbewasser umspült seine nackten Füße. An einer langen Schnur hält er das Fluggerät unter Kontrolle, korrigiert immer wieder die Richtung. Um ihn herum verfolgt eine Gruppe Jugendlicher das Schauspiel am Himmel. Sie wirken vertraut miteinander, obwohl sie sich noch nicht lange kennen. Eines haben alle gemeinsam: Sie haben ihre alte Heimat verlassen, um weit weg ein neues Leben zu beginnen.

Das Brüderpaar Emad und Ahmed beispielsweise ist mit der Mutter aus Somalia geflohen, weil es dort lebensgefährlich für sie war. Nur der Vater ist geblieben. María kommt eigentlich aus Kolumbien. Die Elfjährige hat lange Zeit in Italien gelebt und muss nun zum zweiten Mal ganz von vorne anfangen. Und Bojan hielt es anfangs für einen Spaß, als seine Eltern ihm sagten, dass sie von Bulgarien nach Deutschland ziehen würden. Nun müssen alle vier die Sprache lernen, neue Freunde finden, mit Heimweh klarkommen und sich in einer völlig anderen Umgebung zurechtfinden. Das ist nicht einfach, aber oft wachsen die Jugendlichen über sich hinaus.

Über ihr Leben und die Situation jugendlicher Migrantinnen und Migranten in Cuxhaven ist im vergangenen Jahr ein Dokumentarfilm entstanden. Auch Emad, Ahmed, María und Bojan erzählen ihre berührende Geschichte und sprechen über die Bedeutung von Heimat. „Ich bewundere den Mut und die Entschlossenheit, mit der die Jugendlichen versuchen, den Eingriff in ihr Leben zum Positiven zu wenden“, unterstreicht Regisseurin und Projektleiterin Paulina Cortés von der Agentur Creaclic. Eine Besonderheit des Films ist, dass die jungen Protagonistinnen und Protagonisten nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera standen. Sie schrieben am Drehbuch mit und produzierten das Titellied.

Der Dokumentarfilm soll nun vor allem an den Cuxhavener Schulen gezeigt und besprochen werden. Anfragen gebe es allerdings aus ganz Deutschland. Begleitend wurde ein 63 Seiten umfassendes Unterrichtsmaterial erstellt, das Tabellen, Grafiken und Fakten über Rassismus, Flucht und Migrationspolitik zusammenfasst. Methoden und geeignete Diskussionsformate werden den Pädagoginnen und Pädagogen vorschlagen, selbst druckfertige Arbeitsblätter wurden ausgearbeitet. Die gute Vorbereitung habe dabei geholfen, die Schulen zu erreichen, obwohl der Stundenplan sehr eng getaktet ist. Die Verantwortlichen bleiben hoffnungsvoll, das weitere Interessenten folgen, die Jugendlichen sowieso.

Kennengelernt haben sie beide Seiten in einer Sprachlernklasse. Mehr als 300 gibt es davon allein in Niedersachsen. Die Schülerinnen und Schüler besuchen sie für gut ein Jahr, haben parallel dazu Unterricht in einer Regelklasse. Wer Fortschritte macht, hat nach und nach weniger Deutschkurse. Den Kontakt zu den Jugendlichen stellte Gabriele Hoffmann her. In der Stadt Cuxhaven koordiniert sie die sogenannte „Partnerschaft für Demokratie“ – eines von bundesweit 233 regionalen Bündnissen dieser Art. Vor Ort bringt sie das zivilgesellschaftliche Engagement und staatliches Handeln zusammen, um gemeinsam aktiv zu werden.

Sehr persönliche Szenen

Dieses Modell geht zurück auf das Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“, das auch die notwendigen finanziellen Mittel für das Filmprojekt bereitstellte. Insgesamt verfügt die Partnerschaft über ein Jahresbudget von 85 000 Euro, um weitere Ideen anzuschieben. 5000 Euro übernimmt die Kommune. Wie die Mittel in Cuxhaven eingesetzt werden, entscheidet ein Begleitausschuss mit Vertreterinnen und Vertretern aus den Stadtteilen, der Wohlfahrtsverbände, von Schule und Polizei sowie des Runden Tisches Migration. Die geförderten Projekte sollen interreligiöse Dialoge anstoßen, Ehrenamtliche qualifizieren und zum Abbau von Ressentiments beitragen, so der Wunsch.

Programme wie „Demokratie leben!“ seien Gold wert, „um Flagge gegen Fremdenfeindlichkeit zu zeigen“, erklärt Gabriele Hoffmann. Die Stadt an der Elbmündung ist immens verschuldet und auf Millionenhilfen vom Land angewiesen. Aus eigener Kasse könne weder ein solcher Film noch andere Demokratie-Projekte bezahlt werden. Die Idee, Kinder zu porträtieren, die in Cuxhaven eine neue Heimat suchen, entstand schon 2015. „Oft können sie gar nicht selbst entscheiden, ob sie ihr Zuhause verlassen, müssen von heute auf morgen ganz woanders zurechtkommen“, weiß Hoffmann. Um ihre Sympathie mit der Stadt auszudrücken, tauften die Jugendlichen den Film „Neue Liebe“.

Kopfzerbrechen bereitete besonders die Suche nach den Protagonistinnen und Protagonisten. Anfangs bestand das Filmteam aus einer kleinen Gruppe von elf Jugendlichen. Am Ende waren es doppelt so viele. Das Filmteam von Creaclic suchte den Kontakt zu einer Cuxhavener Hauptschule, in der viele Kinder aus Gastarbeiterfamilien unterrichtet werden. Gemeinsam mit den Geflüchteten der Sprachlernklasse entstand eine Dynamik, mit der selbst die Initiatorinnen und Initiatoren nicht rechnen konnten. 52 Minuten lang ist der Dokumentarfilm letztlich geworden, mit sehr persönlichen Aufnahmen.

Die Filmpremiere im stadteigenen Kino war aus vielerlei Hinsicht sehenswert. Unter tosendem Applaus unzähliger Gäste flanierten die Protagonistinnen und Protagonisten über den roten Teppich. Mit dem Film wollen Hoffmann, Cortés und Böhm besonders das Gefühl des Ankommens abbilden und darüber aufklären, was Menschen aus anderen Ländern dazu bewegt, die Heimat aufzugeben. „Um einen vernünftigen Film zu erstellen“, sagt sie, „brauche es vor allem Zeit und Geld“. Den Kindern, die daran beteiligt waren, habe es auch die Angst genommen, nicht gehört oder angenommen zu werden.

Mit Stereotypen brechen

Gabriele Hoffmann hat den Film inzwischen mehr als nur einmal gesehen. Als „genial“ beschreibt sie die entstandenen Szenen. Sie erzählen vom Verliebt-Sein, zeigen das gemeinsame Fußballspiel und das Singen in der Sprachlernklasse. Die Stadtangestellte erfreut sich vor allem an den einprägsamen Sätzen der Kinder. Für Emad war es beispielsweise eine Flucht ins Ungewisse, wie er verrät: „Was ist das, Cuxhaven?“. Über Nacht verließ er Somalia, ohne sich von seinen Freunden zu verabschieden. Auf seinem langen Weg nach Deutschland habe er sich ständig gefragt, wie er sich verhalten müsse.

Diesen Sorgen und Nöten sehen sich Menschen ausgesetzt, die in einem neuen Land Fuß fassen wollen. Für Jugendliche ist es oftmals eine zusätzliche Herausforderung. Um diese Eindrücke zu transportieren, lud Gabriele Hoffmann vor kurzem eine kirchliche Frauengruppe zum Filmabend in das städtische Jugendzentrum ein, um zu klären, wer wann wo wie lange bleiben darf. Den Kreis der Teilnehmenden beschreibt sie als „gut situierte Seniorinnen, die gern mal sagen, dass wir nicht die ganze Welt retten können“. Der Film habe möglichen Stereotypen ein klares Bild entgegengesetzt.

Es werde deutlich, so Hoffmann, wie hilfreich solch eine Produktion sein könne. Inzwischen sei auch in Norddeutschland ein verändertes gesellschaftliches Klima zu spüren, wo Vorurteile schneller über die Lippen gehen. Eine rechtsextreme Szene gebe es in Cuxhaven allerdings nicht. „Die NPD hat hier noch nie eine Rolle gespielt“, macht Hoffmann deutlich. Die Stadtangestellte beschreibt es vielmehr als „gesellschaftsfähige Fremdenfeindlichkeit“.

Neben dem Filmprojekt bringt sich die „Partnerschaft für Demokratie“ deshalb auch mit anderen Veranstaltungen in die Aufklärungsarbeit ein, zum Beispiel mit der interkulturellen Woche der Stadt. Akzeptanz und Verständnis für Menschen aus anderen Kulturen wecken, heißt das gemeinsam vereinbarte Ziel. Cuxhaven setzt in seinem Engagement zunehmend auf öffentlichkeitswirksame Aktionen, um die Bevölkerung „hinter dem Ofen hervorzulocken, vor allem jene, die nur schimpfen“.

Als die ersten Flüchtlinge im hohen Norden ankamen, wurden in einem Feriencamp provisorisch Zelte errichtet, um die Neuankömmlinge unterzubringen. Es habe eine Welle der Hilfsbereitschaft in Gang gesetzt, erinnert sich Hoffmann. In den sozialen Netzwerken hätten sich viele Bürgerinnen und Bürger ganz von alleine zusammengefunden. Erstaunt ist die Verwaltungswirtin darüber, dass sich oft diejenigen engagieren, „die selbst nicht viel haben“. An einer Erklärung für diesen Einsatzwillen der Cuxhavener versucht sich einer der Protagonisten des Films: „Die ganze Welt ist die gleiche. Es ist nicht so wichtig, wo man lebt“.

Das Couragiert-Magazin begleitet das Bundesprogramm des Familienministeriums als Medienpartner. Mehr Artikel finden Sie unter www.couragiert-magazin.de/demokratieleben.html.

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