Aktuelles Magazin

von Moritz Kern

Hitlers semantische Spielchen im Unterricht

Pädagogen, Schüler und Politiker sind sich uneins über den Einsatz von Hitlers Propagandaschrift. (Foto: Candy Welz)

Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Institution Schule, basierend auf dem Grundgesetz und der Landesverfassung Baden-Württembergs, sieht vor, dass jedes Kind und alle Jugendlichen „zur Wahrnehmung von Verantwortung, Rechten und Pflichten in Staat und Gesellschaft sowie der ihn umgebenden Gemeinschaft vorbereitet werden“ (SchG BW, §1, Abs. 1) muss.

Das Unterrichtsfach Geschichte spielt für die Bildung eines mündigen Staatsbürgers eine sehr wesentliche Rolle. Eine Demokratie kann nur dann funktionieren, wenn die Bürgerinnen und Bürger ihre Verantwortung wahrnehmen und Prozesse kritisch reflektieren. Dazu ist eine hohe Urteilskompetenz vonnöten, die die Schulen den Kindern und Jugendlichen im Land anlernen müssen, um die Gefahr vor Manipulation - beispielsweise durch gute Rhetorik - gering zu halten.

Um diese Kompetenz zu garantieren, ist das Heranziehen von sehr heterogener Literatur ein mögliches Werkzeug, um den Schülerinnen und Schülern die nötige Multiperspektivität zu eröffnen. Basierend auf den demokratischen Normen und Werten unseres Landes lassen sich Aussagen und Argumentationen prüfen, sprachliche Mittel und ihre Ziele analysieren. Dadurch erlernen Jugendliche die Fähigkeit, Ideologiekritik zu äußern und zu begründen.

Hitlers Werk entmystifizieren

„Mein Kampf“ ist eine politisch motivierte Schrift, die höchst ideologisch geprägt ist. Sie zeigt Hitlers menschenverachtende Sichtweise. Der rassistische und antisemitische Diktator nutzt in seinem Werk schrecklichste Gedankenkonstrukte, die er durch den Einsatz entsprechender semantischer Codes und ideologische Begriffe untermauert.

Infolgedessen eignen sich kurze Textabschnitte aus der Propagandaschrift ideal für den Einsatz im Unterricht, insbesondere in der Sekundarstufe zwei. Die Schülerinnen und Schüler lernen die bewussten Täuschungsmanöver zu erkennen, Werturteile im Text zu entlarven und so das über zwölf Millionen Mal verkaufte Buch zu entmystifizieren. Es sollte allerdings nicht das gesamte Buch oder die kommentierte Ausgabe im Unterricht Verwendung finden. „Mein Kampf“ ist viel zu umfassend und würde demzufolge andere, ebenso wichtige Themenfelder verdrängen.

Auch bedarf es nicht unbedingt dem Einsatz der kommentierten Fassung. Sie ist vielmehr eine Vorbereitungslektüre für Lehrkräfte, um anhand der Kommentierungen eine Unterrichtseinheit mit der Überschrift „Ideologiekritik am Beispiel von Hitlers Propagandaschrift ‚Mein Kampf’“ vorzubereiten. So lassen sich einzelne Ausschnitte methodisch analysieren, Argumentationen und Aussagen falsifizieren, um das Werk entsprechend bewerten zu können.

Rechtsstaatliches Bewusstsein

Ich sehe darüber hinaus auch keinerlei Gefahr, dass sich die Distanz zum Nationalsozialismus durch die Behandlung einzelner Texteile verringert. Hitlers pervertierte Schreibweise ist abschreckend. Sie macht deutlich, wie es ihm mit seinen menschenverachtenden Ansätzen gelang, den Rückhalt in der Gesellschaft zu sichern, um abartigste Gräueltaten zu begehen.

Diese Erkenntnis stärkt die Urteilsfähigkeit junger Menschen und die Einstellung gegenüber antidemokratischen und menschenverachtenden Strömungen und macht die demokratische Verantwortung eines jeden Schülers bewusst. Auch das Interesse an geschichtlichen Zusammenhängen bleibt insofern bestehen, als dass sie uns lehren, dass der demokratische Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Die im Unterricht gewonnenen Erfahrungen können genutzt werden, um Vergleiche oder Schlussfolgerungen zu Entwicklungen in der heutigen Zeit zu ziehen, den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Demokratie, der Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten bewusst zu machen und sie letztendlich zu verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen, die in der Lage sind, Vorgänge kritisch zu bewerten, ihr eigenes Urteil zu bilden und sich an unserer Demokratie zu beteiligen.

Moritz Kern ist Schüler am Max-Born-Gymnasium Neckargemünd und Mitglied im Landesschülerbeirat Baden-Württemberg. Dieses Gremium vertritt die Interessen aller Schülerinnen und Schüler im Ländle.

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