Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Editorial: Mit links

Neues Heft

Die Aufarbeitung der G20-Proteste war oft hysterisch, zumeist recht pauschal. Wir wollten daher mit denjenigen debattieren, die nach dem Hamburger Gipfel so heftig in die Kritik geraten waren, und mit ihnen darüber sprechen, was eine zeitgenössische linke Identität ausmacht und wie die Krawalle im Schanzenviertel dazu passen. Aber: Es hagelte Absagen. Die „Rote Flora“ etwa hatte zu viel um die Ohren; das „Conne Island“, Leipzigs linkes kulturelles Zentrum, über dessen Schließung nach Meinung von Noch-Innenminister Thomas de Maizière nachgedacht werden müsse, lehnte einen Vorortbesuch gleich ganz ohne Begründung ab. Und während die Interventionistische Linke – jene Gruppe, von der der Verfassungsschutz rund um G20 die größte Krawall-Gefahr befürchtete – einem Streitgespräch mit Politikwissenschaftler Klaus Schroeder nicht zustimmen konnte, war Ex-RAF-Anwalt und Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele allzu sehr mit dem Auszug aus seinem Bundestagsbüro beschäftigt. Dennoch gab es Menschen, die einordnen und erklären wollten, was geschah.

Gleichzeitig braucht es Antworten auf den Rechtsruck in Europa, der längst kein Untergangsszenario mehr ist, sondern blanke Realität. Spätestens seit dem Einzug der AfD in den Bundestag fragen sich viele, wie nun eigentlich eine linke Alternative aussehen müsste. Beim vielfach diskutieren „Antifa-Kongress Bayern“, der Anfang November stattfand, wurde zwei Tage lang darüber sinniert, wie Engagement aussieht, „wenn Rechtsradikale oder Rassisten mit Rederecht im Bundestag sitzen“. Antwort: Es ist kompliziert. Eine mitreißende Entgegnung zu formulieren, fällt wohl auch deshalb schwer, weil es offen zu sein scheint, was heute (noch) links ist, sein soll und sein kann. Die linke Subkultur bewegt sich irgendwo zwischen Rebellion, Solidarität und Protest. Einig sind sich die Aktivisten im Kampf gegen Kapitalismus, Castor-Transporte und Neonazis – meistens ohne Kompromisse: Basta! War es also in früheren Jahrzehnten durchaus chic, links zu sein, ist es nun Anlass zur erläuternden Rechtfertigung. Das hat auch mit Gewalt und Extremismus zu tun.

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