Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

Virtuelle Brandstiftung

No Hate SPEECH

„Viele Menschen wollen das hasserfüllte Klima nicht länger hinnehmen.“ (Foto: No Hate Speech Movement)

Häme, Hass und Zorn – die sozialen Netzwerke und die Kommentarspalten großer Online-Medien sind voll davon. Durch die Flüchtlingsdiskussion hat sich das Problem mit Hate Speech dramatisch verschärft. Eine Kampagne will aufrütteln.

Aggressiv, verletzend und nicht selten bedrohlich. Rassistische Kommentare haben Hochkonjunktur im Internet undoffenbaren gesellschaftliche Abgründe. Gerade die Flüchtlingsgegnerschaft hat das Netz für sich entdeckt. „Entmenschlicht“ sei die Kommunikation, mahnen Fachleute. Aber nicht nur die Social-Media-Unternehmen kämpfen fortdauernd mit Hassbotschaften, auch Medienschaffende oder Hilfsinitiativen sehen sich dem Webpopulismus ausgesetzt. Beleidigungen sind heute schneller getippt als gesprochen. Viele Kritikerinnen und Kritiker verlieren im Internet jedweden Scham und legen ihre Hemmungen ab. Hate Speech – zu Deutsch: Hassrede – ist in den letzten drei, vier Jahren zum echten Problem geworden.

Internetgiganten wie Google oder Facebook, die Bundespolitik und Teile der Zivilgesellschaft suchen nach Antworten – häufig gemeinsam. Im Justizministerium entstand bereits vor über einem Jahr eine eigene Task Force. Eine Erkenntnis davon: Facebook Deutschland löschte allein im August 2016 mehr als 100 000 Hassbotschaften. Wie groß das Problem tatsächlich ist, verdeutlicht eine Untersuchung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Bei einer repräsentativen Befragung gaben zwei Drittel an, Hasskommentare im Internet schon einmal bemerkt zu haben. Auch das Eurobarometer kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach fühlt sich die Hälfte der 6600 Befragten in der EU durch Hate Speech eingeschüchtert und zögert deshalb, sich in Diskussionen einzumischen.

Betroffen sind aber nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund – wie allgemein angenommen – sondern ebenso Lehrkräfte, Ehrenamtliche oder Sportlerinnen und Sportler. „Hate Speech ist kein Minderheitenphänomen“, verdeutlicht Rundfunkjournalistin Konstantina Vassiliou-Enz. Die 48-Jährige geborene Griechin ist Geschäftsführerin der „Neuen deutschen Medienmacher“ – ein bundesweiter Zusammenschluss, der sich für mehr Vielfalt in den Redaktionen starkmacht. 2016 hoben sie in Deutschland das No Hate Speech Movement aus der Taufe, eine Kampagne, die vor zwei Jahren auf Initiative des Europarates entstand und an der sich inzwischen gut 40 Länder beteiligen. Umgesetzt wird das Vorhaben mithilfe des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“.

Bislang gibt es nur wenige Untersuchungen zur Frage, gegen wen sich Hate Speech am häufigsten richtet. Allein den Begriff in eine Definition zu gießen, ist schwierig. Vassiliou-Enz beschreibet das Phänomen wie folgt: „Hate Speech ist, wenn man Worte und Bilder als Waffe einsetzt, bewusst, gezielt und voll auf die Zwölf. Oft sind es rassistische, antisemitische oder sexistische Kommentare, die bestimmte Menschen oder Gruppen als Zielscheibe haben“. Eine kanadische Studie nennt die Urheberinnen und Urheber gefühlskalt, selbstgerecht und egoistisch. Ohne die soziale Kontrolle der Offline-Welt, so heißt es in der Studie weiter, wollen die vor allem eins: stören. Lange galt daher der Leitsatz „Don't feed the troll“, denn dieser würde sich geradezu nach Aufmerksamkeit sehnen. Als „Troll“ werden diejenigen bezeichnet, die andere im Netz bewusst beschimpfen oder provozieren.

Gegenhalten, aber wie?

Unter zivilgesellschaftlichen Initiativen findet allerdings schon länger ein Umdenken statt. Counter Speech (engl. für Gegenrede) steht weit oben auf der Agenda – Einmischen, Diskussionen lostreten, Behauptungen klarstellen oder Hasskommentare schlicht und einfach thematisieren. „Für Betroffene ist es nicht leicht, sachliche Gegenargumente zu bringen, nachdem sie übel beleidigt oder angegriffen wurden“, meint Vassiliou-Enz. Counter Speech werde deshalb häufig von Außenstehenden initiiert. Für sie sei es grundsätzlich einfacher, einzugreifen. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt dafür? „Es gibt keine allgemeingültige Sprachregelung, die vorgibt, wann ein Kommentar beispielsweise mehr ist, als eine blöde Bemerkung ist. Dieses Empfinden ist sehr individuell, am Ende muss jeder selbst entscheiden, was zu weit geht und was nicht.“

Mithilfe der Kampagne soll nun die Öffentlichkeit aufgerüttelt werden – vor allem diejenigen, die bisher wenig in die Debatten um Hate Speech involviert sind. „Die große Mehrheit steht für einen zivilen Umgang im Netz“, verdeutlicht Vassiliou-Enz, „die große Mehrheit aber schweigt“. Für sie ist die Intensität des Internet-Hasses ein klares Zeichen, dass die Meinungsvielfalt eingeschränkt werde, „wenn Menschen eingeschüchtert werden und sich aus Angst dem öffentlichen Diskurs entziehen“. Daran müsse zügig gearbeitet werden. Es gebe bereits unterschiedliche Initiativen, die sich mit hasserfüllten Kommentaren auseinandersetzen, „Organisationen, die seit Jahren eine hervorragende Arbeit leisten“, so Vassiliou-Enz. Die Amadeu Antonio Stiftung etwa oder das Projekt „Hass hilft“.

„Viele Menschen wollen das hasserfüllte Klima, das online herrscht, nicht länger hinnehmen. Sie alle zu empowern und zu vernetzen ist das Ziel der Kampagne“, sagt Vassiliou-Enz. Ihnen werden vor allem Argumentationshilfen und Faktensammlungen bereitgestellt. Mit der Kampagne der „Neuen deutschen Medienmacher“ soll nun besonders die Perspektive der Betroffenen in den Fokus rücken. Hate Speech gehe nicht nur mit Einschüchterung der Adressatinnen und Adressaten einher, weiß Vassiliou-Enz, die Kommentare führen im schlimmsten Fall zu Traumatisierungen. Um helfen zu können, werde ein breites gesellschaftliches Bündnis gebraucht. Die Journalistin denkt vor allem an Solidarität: „Es ist schwer erträglich und sehr belastend, einem Shitstorm ausgesetzt zu sein“.

Wenn Nutzerinnen und Nutzer dieser geballten Empörung einer größeren Gruppe ausgesetzt sind, gehe es in erster Linie darum, diese Menschen zu schützen und sich an ihre Seite zu stellen. Für Vassiliou-Enz verstößt Hate Speech gegen die Menschenrechte, „weil jeder ein Recht darauf hat, nicht diskriminiert zu werden“. Niemand müsse solche Kommentare akzeptieren oder gar aushalten. Auch dann nicht, wenn diese mit der Meinungsfreiheit verteidigt werden. „Meinungsfreiheit ist die Freiheit, eine andere Meinung zu haben und diese zu äußern, und nicht die Freiheit andere zu bedrohen, zu hetzen oder zu diskriminieren.“

Rechtliche Konsequenz

Um gegenzuhalten, haben die Medienmacher humoristische Fotomontagen erstellt, die auf der Kampagnenseite heruntergeladen werden können, um schnell reagieren zu können. Dort ist zum Beispiel ein Bild des Hollywood-Schauspielers Morgan Freeman zu sehen, gemeinsam mit folgenden Worten: „Ich mag wie einfach dein Weltbild gestrickt ist. Nicht.“ Oder ein Gefahrenaufkleber auf dem „Hass lässt ihre Haut altern“ steht. Gleich daneben ziert das Konterfei von Lehrer Lämpel aus der Busch'schen Bubengeschichte Max und Moritz den Ausspruch „Es heißt Meinungsfreiheit und nicht Scheiße-Schreiben-Freiheit“. Die Kampagne soll aber auch dabei helfen, „in Diskussionen mit Zahlen, Fakten und sachlichen Argumenten auf hetzende Beiträge reagieren zu können“.

Um Menschen inhaltlich zu überzeugen, sei es sinnvoll, im engeren Bekannten- oder Freundeskreis zu beginnen. Um erfolgreich zu sein, brauche es eine ehrliche Offenheit. Es helfe keinesfalls weiter, sein Gegenüber von vornherein zu stigmatisieren. „Gut zuhören, nicht beleidigen und aufeinander zugehen“, erklärt Vassiliou-Enz. Oft handle es sich um tiefe Emotionen, weniger um inhaltsschwere Diskussionen. Viel hänge auch von der Funktionsweise des sozialen Netzwerks ab. „Hasskommentare und deren Verbreitung auf Facebook funktionieren ganz anders, als beispielweise auf Twitter“, sagt Vassiliou-Enz. Ein allgemeingültiges Rezept, das überall wirkt, gebe es auch hier nicht. Eines müsse allerdings gelten, nämlich dass man nicht mit Hass oder Drohungen versucht dagegenzuhalten.

Die „Neuen deutschen Medienmacher“ helfen bei den ersten Schritten, nehmen die Internetuser gewissermaßen an die Hand: welche Kommentare sind strafbar, wie funktioniert das Melden von Beiträgen oder wo lassen sich diese zur Anzeige bringen? „Strafrechtlich Relevantes zu melden, sollte Normalität sein“, hofft sie. Immer häufiger sprechen Gerichte entsprechende Urteile. Aufgrund eines ausländerfeindlichen Posts wurde ein 25-Jähriger beispielsweise zu 7500 Euro Strafe verurteilt. Die Hälfte der Summe mussten zwei Männer zahlen, die einen Post mit „Gefällt-mir“ markierten, in dem dazu aufgerufen wurde, einen schwarzen Menschen mit dem Auto zu überfahren. Üble Nachrede, Nötigung oder Volksverhetzung stehen selbstverständlich auch im Netz unter Strafe.

Nächstes Jahr wollen die Kampagnenverantwortlichen vor allem Medienschaffende in den Fokus ihrer Aktivitäten stellen. Sie sollen für den Umgang mit ausgrenzender Rhetorik, aber auch für wertende Berichterstattung sensibilisiert werden. Mögliche Reaktionen der Leserschaft oder E-Mails mit Drohgebärden würden den journalistischen Alltag beeinflussen. „Es herrscht ein wahnsinniger Redebedarf, weil viele Redakteurinnen und Redakteure mit Hate Speech alleine gelassen werden.“ In diesem rauen Klima komme Vassiliou-Enz häufig ins Grübeln, weil viele erst gar nicht darüber nachdenken würden, welchen hasserfüllten Inhalt sie in die Welt des Internets senden.

„Wir haben alle eine Verantwortung“, bemerkt Vassiliou-Enz, angesprochen auf die Zufriedenheit mit dem Löschen von Facebook. In erster Linie sei jeder selbst für seine eigene Seite verantwortlich. Allein die Seitenbetreiber in die Pflicht zu nehmen, reiche nicht aus. Es müsse jedem klar werden, dass Hasskommentare alles andere als Spaß seien. Es gehe auch nicht darum, die Meinungsfreiheit einzuschränken, sondern darum, dass man sich frei im Internet bewegen könne – ohne Angst davor zu haben, im nächsten Moment erniedrigt und bedroht zu werden. Das Ziel ihrer Arbeit könne deshalb nur sein, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden. Ein Internet ohne Hate Speech? Für Vassiliou-Enz momentan allerdings noch eine „märchenhafte Vorstellung“.

Das Couragiert-Magazin begleitet das Bundesprogramm des Familienministeriums als Medienpartner. Mehr Artikel finden Sie unter www.couragiert-magazin.de/demokratieleben.html.

Zurück

Das könnte Sie auch interessieren

IN EIGENER SACHE

Die neue Ausgabe des Couragiert-Magazins

Der Islam ist für viele zum Feindbild geworden. Hatice Durmaz ist gläubige Muslima und weiß um die Kontroversen. Die Diskussion allerdings ist ihr zu laut: Nicht die Religion habe ein Problem mit Terrorismus, sondern die ganze Gesellschaft.

[...]
Editorial

Wie hast duʼs mit der Religion?

20 Millionen Muslime leben in Deutschland – schätzt der Durchschnittsbürger. Tatsächlich aber sind es weniger als fünf Millionen, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verdeutlicht. Dennoch ist der Islam zum Feindbild geworden.

[...]
Defend Europe

Rechtsextremisten auf hoher See

Mit einem eigenen Schiff wollen sie in See stechen, um vor der lybischen Küste auf Patrouille zu gehen. Über 100 000 Euro hat die Identitäre Bewegung dafür auf einer Crowdfunding-Plattform zusammengesammelt.

[...]
VOLKS-VETO

Wie die CDU über sich hinauswächst

Ein Jahr ist es nun her: Mit dem Vorschlag zur Einführung von fakultativen Referenden sorgte die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag für eine handfeste Überraschung. Aber wie ernst meint es die Union tatsächlich?

[...]
Verständigung

Die Brücke ist eingestürzt

Schocknachricht aus dem Elbflorenz: In der vergangenen Woche entschieden Kuratorium und Vorstand der Brücke/Most-Stiftung, das operative Geschäft der Stiftung zum Jahresende einzustellen. Was das bedeutet? Nachruf eines Weggefährten.

[...]
Um die Nutzung unserer Website zu erleichtern, verwenden wir „Cookies“ und die Analyse-Software „Piwik“. Mehr dazu ...