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von Tom Waurig

Besser gemeinsam

WÜRZBURG

Weit über 40 Demokratieprojekte konnte die Stadt Würzburg 2016 finanzieren. (Foto: Benjamin Jenak)

In der Stadt Würzburg gibt es eine von bundesweit mehr als 260 „Partnerschaften für Demokratie“. Zivilgesellschaft und Verwaltung sollen so enger zusammenarbeiten. Die Zahl der Anträge nimmt jedes Jahres zu und die Entscheidung wird immer schwieriger.

Die Stadt in Unterfranken ist zuletzt mehrmals Aufmarschstätte von rechtsextremen Organisationen geworden. Erst Mitte Februar demonstrierten mehr als einhundert Anhänger der Splitterpartei „Der Dritte Weg“ in Würzburg, um die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 an anderer Stelle für sich zu vereinnahmen. Wenig später reihten sie sich mit schwarz bemalter Haut in den städtischen Faschingsumzug ein – sie trugen ein Transparent mit der Aufschrift „Wir wissen genau, abschieben wird uns keine Sau!“. Nach Meinung von Experten gehört die Partei zu den radikalsten Organisationen im rechtsextremen Spektrum. Sie ist eng mit der Kameradschaftsszene verwoben und besonders in Bayerns Gemeinden aktiv. Dementsprechend ist auch Würzburg in deren Fokus gerückt.

Fremdenfeindlichkeit nimmt Christine Blum-Köhler aber weniger in Form rechtsextremer Gruppen wahr, sondern eher durch die typischen „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber“-Stammtischparolen. Mit solchen Äußerungen hätten inzwischen alle großen Städte zu kämpfen, gibt sie zu. Um Lösungen zu erarbeiten, koordiniert die Stadt eine sogenannte „Partnerschaft für Demokratie“ – ein regionales Bündnis, das Zivilgesellschaft und staatliche Akteure zusammenbringen soll. Gefördert wird dieses Modell vom Bundesfamilienministerium im Rahmen des 2015 gestarteten Programms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. 261 Partnerschaften gibt es aktuell im gesamten Bundesgebiet, denen 85 000 Euro im Jahr zur Verfügung stehen, um Projekte finanziell, aber auch inhaltlich zu begleiten.

Würzburg beteiligte sich schon am Vorgängerprogamm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Die Stadt weiß daher um die Bedeutung gesellschaftlicher Initiativen und hält die Anschlussfinanzierung für sehr sinnvoll. „Es wäre schade gewesen, wenn all das, was über vier Jahre entstanden ist, plötzlich wieder zusammengebrochen wäre“, verdeutlicht Blum-Köhler, die im Sozialreferat der Stadt arbeitet. Die Partnerschaft koordiniert sie mit ihrem Kollegen Lucas Wejda und zwei Aktiven des Würzburger Bündnisses für Zivilgesellschaft, das vor zehn Jahren entstand und auf Erfahrungen mit rassistischen Übergriffen zurückgeht, für die das Bündnis damals sensibilisieren wollte. Auf dem Engagement lasse sich heute aufbauen, bemerkt Blum-Köhler. Etwa einmal in der Woche sitzt das Quartett zusammen, um Absprachen zu treffen, Projektfortschritte zu diskutieren und die nächsten Schritte zu planen.

Vorarbeit macht sich bezahlt

Die enge Zusammenarbeit macht sich bezahlt. In Würzburg steigt die Zahl der Projekte von Jahr zu Jahr an. Über 90 Anträge waren es allein in diesem Jahr. Gut 150 000 Euro hätte die Stadt an Initiativen auszahlen können, erklärt Christine Blum-Köhler. Die lang andauernde Vernetzung benennt sie als den entscheidenden Grund für das anhaltend große Interesse. „Die Initiativen erleben es als Wertschätzung, dass es einen Fördertopf für solche Projekte gibt.“ Eine gute Öffentlichkeitsarbeit und regelmäßig stattfindende Austauschforen seien außerdem von Nöten, um Erfolg zu haben. Im Oktober organisierten die Verantwortlichen einen Fachtag zur „Kultursensibilität in der Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen“, um die Projekte ins Gespräch zu bringen.

Weit über 40 Projekte konnten 2016 finanziert werden. „Im besten Fall gelingt es, viele kleine Ideen zur unterstützen“, meint Blum-Köhler. Der Würzburger Caritasverband organisierte zum Beispiel eine Veranstaltung, um mit Jugendlichen über die Gefahren rechtsextremer Strategien zu sprechen. Eingeladen wurde dazu Felix Benneckenstein, dem 2011 der Ausstieg aus der Neonazi-Szene gelang. Seitdem hilft er anderen Ausstiegswilligen in Bayern. Im Stadtteil Heuchelhof, gelegen ganz im Süden, fand ein integratives Musiktheaterprojekt statt. Der Förderverein Abenteuerland hingegen beschäftigte sich mit dem Thema Nachhaltigkeit, um ein besseres Verständnis für Produktionswege, Herstellungsprozesse und faire Entlohnung zu schaffen.

Der Begleitausschuss, der über die Anträge entscheidet, besteht aus insgesamt 24 Mitgliedern, „was die Diskussion nicht unbedingt erleichtert“, weiß Leiterin Christine Blum-Köhler. Vertreten sind nicht nur Kirchen, Kultureinrichtungen und kommunale Verantwortliche, sondern auch die Zivilgesellschaft selbst, darunter ein schwul-lesbisches Zentrum oder der DGB. Ungefähr vier Stunden dauerte die Sitzung in diesem Jahr – bis elf Uhr saß das Gremium über den Anträgen. „Die Entscheidung ist deshalb so schwierig, weil es durchweg tolle Projekte sind“, fasst die Stadtmitarbeiterin zusammen. All jenen, die wegen der begrenzten Mittel abgelehnt werden, sei ihre Enttäuschung natürlich anzumerken. Schon vorab gab es für die Gremienmitglieder Gelegenheit, alle beantragten Projekte bei einer Online-Abstimmung zu sichten und entsprechend zu bewerten.

Situation nach Axt-Attentat

Auch ein Jugendforum wurde in Würzburg eingerichtet, bei dem, so die Idee des Bundesprogramms, junge Menschen selbstständig über die Förderung von Projekten Gleichaltriger entscheiden sollen. Es gibt das ganze Jahr über die Möglichkeit, Anträge zu stellen, um der jugendlichen Spontanität gerecht zu werden, bemerkt Blum-Köhler. 2500 Euro sind in diesem Jahr bereits vergeben worden, die gleiche Summe steht noch zur Verfügung. Die Jury setzt sich aus zwölf Jugendlichen zusammen. Das Niveau der inhaltlichen Diskussion zu den Anträgen sei hoch gewesen, erklärt die Organisatorin. Die größere Herausforderung liege darin, die jungen Menschen ein ganzes Jahr lang für diese Aufgabe zu gewinnen. Blum-Köhler wirbt daher in Schulen, Jugendzentren oder Vereinen um Nachwuchs.

In der Stadt gebe es seit letztem Jahr auch eine intensivere Auseinandersetzung mit gewaltbereitem Salafismus, nachdem der 17-jährige Riaz A. in einem Regionalzug von Treuchtlingen nach Würzburg mit einer Axt auf eine Familie aus Hongkong einschlug. Wenig später griff der Jugendliche außerdem zwei Frauen in einem Wohngebiet an. Auf seiner Flucht vor der Polizei wurde er schließlich von SEK-Beamten erschossen. In einem Propagandavideo des IS bezeichnete er sich selbst als „Soldat des Kalifats“. Die Situation nach dem Anschlag im Juli 2016 beschreibt Blum-Köhler als „aufrüttelnd“ und „angstmachend“. Die Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinden und Flüchtlingen habe sich seit dem Vorfall intensiviert. Gerade junge Geflüchtete hätten Angst vor Stigmatisierung, so Blum-Köhler.

Anfang Mai stellten die Stadt und der Landkreis Würzburg ein neues Netzwerk zur Deradikalisierung vor, deren Ziel es ist, Jugendliche in Workshops zu dem Thema aufzuklären. Gleichzeitig sollen auch Fachkräfte und Engagierte in der Jugendarbeit dafür sensibilisiert werden, eine Radikalisierung bei Heranwachsenden frühzeitig zu erkennen und diesem Prozess entgegenzuwirken. Mit dem Angebot entsteht in Würzburg ein weiterer Baustein in der Präventionsarbeit, der mit den bestehenden Ideen verzahnt werden soll. Auch die „Partnerschaft für Demokratie“ wird davon profitieren können. Blum-Köhler hofft nun darauf, dass Projekte zukünftig noch deutlich öfter von unterschiedlichen Initiativen gemeinsam umgesetzt werden und dass der Stadt die vielen guten Ideen erhalten bleiben.

Das Couragiert-Magazin begleitet das Bundesprogramm des Familienministeriums als Medienpartner. Mehr Artikel finden Sie unter www.couragiert-magazin.de/demokratieleben.html.

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