Aktuelles Magazin

von Nhi Le

Rassismus - das Problem der anderen

KOLUMNE NHI LE

Nhi Le ist leidenschaftliche Slam Poetin und schreibt einen mitreißenden Blog über Feminismus.

„Oh Gott, voll schlimm!! Wir sind doch alle Menschen“ wird es mir in die Timeline gespült. Der geteilte Beitrag handelt von einem rassistischen Vorfall in den USA. In einem Geschäft sind zwei schwarze Frauen wegen ihrer Hautfarbe für Diebe gehalten und des Ladens verwiesen worden. In den Kommentaren geht es rund. Einige User sind so fassungslos, dass sie als Reaktion das wütende Emoji drücken. Dieser Beitrag begegnet mir noch öfters. Später am Abend lese ich, dass im thüringischen Sömmerda drei Geflüchtete bei einer Hetzjagd verletzt wurden. Der Link führt zu einem Lokalblatt, wird später von größeren Seiten aufgegriffen, aber das große Teilen bleibt aus und ich wundere mich.

Immer dann, wenn beispielsweise ein rassistischer Vorfall aus den USA publik wird, ist die Empörung groß – gerade jetzt, wo sich unter Trumps Regentschaft das Klima merklich verschärft. Vor allem im Internet weiß man kaum an sich zu halten. Vermeintliche Verzweiflung mischt sich mit Vorwürfen. Plötzlich fühlen sich alle betroffen und üben sich in politischer Kritik. Ich will das Rassismusproblem in den Vereinigten Staaten keinesfalls kleinreden und doch bin ich erstaunt, warum massenhaft Bürger zum Aktivisten mutieren, gerade dann, wenn andernorts etwas geschieht. Währenddessen lösen die Übergriffe in Deutschland wenig Entsetzen aus. Rassismus scheint ein Problem der anderen zu sein.

Wo bleibt der Protest, wenn einer schwangeren Muslima beim Einkaufen in den Bauch geboxt wird? Wenn in der Regionalbahn ein indischer Fahrgast zum Hitlergruß genötigt und später verprügelt wird? Es sind keine Fälle, die sich etwa im Ausland ereigneten, sondern ganz in der Nähe – in Leipzig und Leinefelde und es sind nur zwei Beispiele von vielen. Vielleicht lässt sich dieses Phänomen ja damit erklären, dass scheinbar die verschiedensten entfernten Vorfälle einen Aufmacher wert sind, lokale Geschehnisse dafür weniger oder erst verzögert medial beachtet werden? Zugegeben ist es wirklich herausfordernd, nach der zehnten Liste prominenter Anti-Trump-Tweets, den Überblick zu behalten.

„Beschämend diese Lage! So etwas könnte hier niemals passieren!“ Dass es in Deutschland allerdings eine Menge Menschen gibt, die sich die gleiche politische Linie wünschen und besonders eine Partei das passende Programm liefert? Geschenkt. Wo auch immer die Gründe liegen, rassistische Gewalt im Ausland zu skandalisieren, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern auch gefährlich. Eigene Probleme werden infolgedessen ignoriert, Ursachen unsichtbar gemacht. Das ist nervenraubend für jene, die sich einsetzen gegen den martialischen Bürgermob. Vor allem aber ist es ein Schlag ins Gesicht für all die, die täglich von den deutschen Zuständen betroffen sind und denen die Solidarität fehlt.

Warum reicht die Empörung nicht noch für „verdachtsunabhängige Polizeikontrollen“, die nicht-weiße Bürger trifft? Vielleicht deshalb, weil es ein Geständnis wäre, dass man doch nicht in einer ganz so weltoffenen Gesellschaft lebt, wie man hofft, dass die Toleranz tatsächlich Grenzen kennt und längst nicht Akzeptanz bedeutet. Es ist unerlässlich, Diskriminierung im Alltag nicht einfach hinzunehmen. Umso wichtiger, dass wir uns den Problemen im Kleinen bewusst sind. Ein guter Anfang wäre es, sich auch damit auseinanderzusetzen, um zu reagieren. Denn egal wie turbulent das Weltgeschehen ist, es wartet auch immer ein Kampf vor der eigenen Haustür.

Nhi Le lebt und arbeitet in der Kreativenhochburg Leipzig. Sie ist leidenschaftliche Slam Poetin und schreibt einen mitreißenden Blog über Feminismus, Vegansein, Anti-Rassismus und Popkultur.

Zurück

Das könnte Sie auch interessieren

Defend Europe

Rechtsextremisten auf hoher See

Mit einem eigenen Schiff wollen sie in See stechen, um vor der lybischen Küste auf Patrouille zu gehen. Über 100 000 Euro hat die Identitäre Bewegung dafür auf einer Crowdfunding-Plattform zusammengesammelt.

[...]
VOLKS-VETO

Wie die CDU über sich hinauswächst

Ein Jahr ist es nun her: Mit dem Vorschlag zur Einführung von fakultativen Referenden sorgte die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag für eine handfeste Überraschung. Aber wie ernst meint es die Union tatsächlich?

[...]
Verständigung

Die Brücke ist eingestürzt

Schocknachricht aus dem Elbflorenz: In der vergangenen Woche entschieden Kuratorium und Vorstand der Brücke/Most-Stiftung, das operative Geschäft der Stiftung zum Jahresende einzustellen. Was das bedeutet? Nachruf eines Weggefährten.

[...]
WÜRZBURG

Besser gemeinsam

In Würzburg gibt es eine von bundesweit 261 „Partnerschaften für Demokratie“. Zivilgesellschaft und Verwaltung sollen so enger zusammenarbeiten. Die Zahl der Anträge nimmt jedes Jahres zu und die Entscheidung wird immer schwieriger.

[...]
Um die Nutzung unserer Website zu erleichtern, verwenden wir „Cookies“ und die Analyse-Software „Piwik“. Mehr dazu ...