Aktuelles Magazin

von Tom Waurig

„Über Nacht war alles anders“

Advertorial

Petra Köpping ist die erste sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. (Foto: Amac Garbe)

[Advertorial] Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping hat die Probleme der Nachwendezeit zu ihrem Thema gemacht. Sie reist durch den Freistaat und trifft Menschen, vor allem Männer, die sich abgehängt fühlen. Ein Gespräch über das ostdeutsche Seelenleben.

Couragiert-Magazin: Frau Köpping, Sie haben die Nachwendezeit wieder auf das politische Tableau gehoben. Sind Sie so etwas wie die heimliche Ostbeauftragte?

Petra Köpping: Wenn es so wäre, würde ich mich nicht dagegen sträuben. Auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich stellt die wirtschaftlich unterschiedlichen Entwicklungen immer wieder fest. Ich will gar keine Spaltung zwischen Ost und West, sondern eine Anerkennung dessen, was die Menschen in den neuen Bundesländern in den letzten 25 Jahren geleistet haben – selbst dann, wenn sie keinen Job gefunden haben. Es ist auch eine Leistung, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und für seine Kinder zu sorgen. Die Anerkennung gegenüber der Leistung, die der Ostdeutsche gebracht hat, fehlt aus meiner Sicht fast gänzlich. Zu Beginn meines Ministeramtes hätte ich nicht gedacht, dass die Aufarbeitung der Nachwendezeit zu den brennendsten Aufgaben gehört, die wir in Sachsen haben. Aber die Menschen haben deutlich gesagt: „Integrieren Sie erstmal uns, wir sind selbst noch lange nicht gleichgestellt.“ Wenn der Anstoß, den ich gebe, nun dazu führt, dass wir wieder über das Thema reden, bin ich sehr zufrieden.

Es ist des Öfteren die Rede von Ungerechtigkeiten aus der Nachwendezeit. Welche sind das?

Immer dann, wenn Pegida-Anhänger in meine Sprechstunden kommen, um mir darzulegen, was sie nun eigentlich gegen den Islam haben, geht es dann doch ganz schnell um die eigene Lebensgeschichte. Wir schaffen es dann kaum, über das Thema Flüchtlinge zu sprechen. Es geht in der Regel darum, was nach der Wende passiert ist. Es gab damals eine große Unsicherheit: Was ist das, was ich gelernt oder gemacht habe, überhaupt noch wert? Viele, die vorher in verantwortungsvollen Berufen gearbeitet haben, sind mit der Wiedervereinigung – faktisch oder gefühlt – degradiert und nicht beteiligt worden. Das ist eine Form von Demütigung, von der sich viele oft nicht erholt haben. Was generell unterschätzt wurde ist doch: Alles, was das Leben eines Menschen, der in Ostdeutschland aufgewachsen ist, ausgemacht hat, wurde über Nacht verändert: Von der D-Mark bis hin zum Supermarkt, wo plötzlich ganz andere Sachen standen. Das hatte offensichtlich weitaus größere Folgen, die wir uns damals hätten gar nicht vorstellen können.

Das hieße – um Pegida aufzugreifen – die Flüchtlinge sind eigentlich nicht das Problem, sondern vielmehr das Ventil für die angestauten Probleme?

Jedenfalls merke ich, dass hinter dem, was formuliert wird, immer eine persönliche Geschichte steht, die mit Flucht und Migration erst einmal nichts zu tun hat. Darunter sind auch nicht nur Menschen, die den gesellschaftlichen Sprung nicht geschafft haben. Auch diejenigen, die erfolgreich sind, haben Sorgen und Ängste. Zudem gibt es bei Pegida einen harten Kern, der für sich eine Community gefunden hat. Die haben das Gefühl, dass sie endlich mit Gleichgesinnten auf der Straße sind. In der DDR gingen alle zu Silvester in die Dorfkneipe. Heute haben sich bestimmte Gruppen gebildet, die miteinander feiern, aber nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen. Bei vielen entsteht so das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Diesen Zusammenhalt finden nun manche bei Pegida.

Ist die Wiedervereinigung zu schnell gegangen?

Die Wiedervereinigung wurde von denen, mit denen ich gesprochen habe, zu 95 Prozent akzeptiert. Und auch begrüßt. Dennoch hätten viele von uns nie geglaubt, dass alles Westliche in der Form übernommen werden würde. Ich war ab 1994 Bürgermeisterin und wurde zu einer Konferenz in die Schweiz eingeladen. Dort ist uns dann das ideale Modell der Kindergarten- und Hortbetreuung vorgestellt geworden. Das fand ich doch ein wenig lächerlich, das musste uns Ostdeutschen ja niemand erklären. Und so ging es vielen. Es gab schon den Wunsch, dass über Dinge, die zu DDR-Zeiten gut organisiert waren, gesprochen wird, dass die ostdeutschen Bürger etwas beitragen können und dass nicht alles nur übergestülpt wird. Die andere Seite ist, dass mit der Friedlichen Revolution viel Hoffnung verbunden war. Wer in der DDR nicht studieren oder Abitur machen durfte, dachte, jetzt stehe ihnen alles offen. Und nicht zuletzt sollten Menschen, die in einer Gesellschaft sozialisiert wurden, die alles für sie geregelt hat, sich plötzlich selbst kümmern. Das ist ein Gegensatz, den viele für sich erst einmal nicht umsetzen konnten. Und wem gebe ich daran die Schuld? Natürlich der Gesellschaft und nicht mir persönlich. Dieses Gefühl, nicht gewollt, gefragt  oder gebraucht zu werden, sitzt tief und ist langlebig.

Warum wird darüber erst jetzt gesprochen – ein Vierteljahrhundert nach der Einheit?

Viele hatten erst einmal damit zu tun, sich in der neuen Gesellschaft zurecht zu finden oder sich einzugestehen, dass sie an irgendeiner Stelle gescheitert sind. Es hat Zeit gebraucht, um das mit sich auszumachen. Junge Menschen sagen mir auch, dass ihre Eltern über eine bestimmte Zeit nicht reden – weil sie arbeitslos waren oder Tätigkeiten nachgegangen sind, auf die sie nicht stolz sind. Das sind Geschichten, die familiär nicht enden, sondern sich in der neuen Generation fortsetzen. Ich hatte als Landrätin Menschen in meinem Büro sitzen, die mir erzählten, die einzige, die in der Familie morgens aufstehen würde, sei die Tochter, die in die Schule gehe. Alle anderen saßen zuhause. Diese Situation macht was mit einem – auch mit der Familie, den Kindern. Und damit wird es tagesaktuell. Ich habe mich schon damals gefragt, wer sich um die Menschen kümmert, die in dieser Gesellschaft nicht ankommen, weil sie nicht teilhaben können.

Das Misstrauen in die Demokratie ist also mit der schwierigen ökonomischen Situation gewachsen. War nicht auch die Zeit zu knapp, um das demokratische Bewusstsein zu verinnerlichen?

Zu sagen, dass die Ostdeutschen Demokratie lernen müssen, wäre mir zu oberflächlich. Sie haben vielleicht eine andere Vorstellung davon gehabt, wie man mit freiheitlichen Meinungsäußerungen umgeht. Mir hat jemand gesagt: „Früher durfte ich das Maul nicht aufmachen, wenn es gegen die Regierung ging. Aber meinem Arbeitgeber konnte ich die Meinung geigen. Heute ist es umgekehrt: Dem Politiker kann ich verbal richtig eins auf die Fresse geben, aber beim Arbeitgeber muss ich mich zurückhalten, weil der mich morgen kündigen kann.“ Ich will nicht sagen, dass das richtig ist, aber so nehmen die Leute das wahr. Sie haben schon verinnerlicht, dass ein politischer Maulkorb heute nicht das Problem ist, sondern dass es diesen von Seiten der Wirtschaft gibt. Es geht den Menschen ja auch nicht nur ums Geld, viele haben durchaus ein gutes Auskommen.

Köppings politische Karriere begann 1989 als Bürgermeisterin von Großpösna, Sachsen. (Foto: Amac Garbe)

Um was geht es dann?

Es gibt Orte, da fehlt eine ganze Generation. Junge, gut qualifizierte Frauen sind weggegangen, während viele Männer im ländlichen Raum – die keine entsprechende Ausbildung haben – keine Partnerin gefunden haben. Aber auch die haben einen Anspruch auf eine Familie, um die sie sich kümmern können und ein friedliches Umfeld. Das ist ein Klientel, aus dem sich Pegida speist.

Dass Sie den Menschen zuhören, ist sicher wichtig. Aber reicht das aus?

Das Thema ist noch gar nicht umfassend besprochen worden – das geht viel weiter. Ein Problem ist zum Beispiel der Teil der Verwaltung, der sich nicht mehr als Dienstleister des Bürgers versteht. Ich hatte neulich den Fall eines Mannes, der seine Ehefrau und Schwiegermutter pflegt. Der bekam einen Bescheid vom Abwasserzweckverband, dass er innerhalb eines halben Jahres seine Klärgrube in eine biologische Anlage umbauen soll. Ansonsten werde er gepfändet. Er kann das aber im Moment nicht, weil er weder das Geld noch die Nerven dafür hat. Dienstleistung heißt für mich, ihn an den Tisch zu holen und zu erarbeiten, was man in seinem speziellen Fall tun kann. An dieser Stelle haben wir den Anschluss verloren. Wenn der Bürger die Verwaltung dafür kritisiert, meint er Politik – weil er sieht, dass an der Spitze ein Landrat, ein Bürgermeister oder ein Minister sitzt.

Woran liegt das?

Ich glaube unter anderem, dass die verschiedenen Gebietsreformen der letzten Jahre und Jahrzehnte, also das Zusammenlegen von Städten und Gemeinden, falsch waren. Die Bürgermeister und Landräte sind als direkt gewählte Politiker die Motoren dieser Gebiete und haben die Chance, demokratische Regeln zu kommunizieren. Das können sie aber nicht, wenn eine Einheit viel zu groß ist. In Gemeinden mit 63 Ortsteilen kann ich die Bürger nicht mehr persönlich erreichen. Aber die wollen einen Bürgermeister, der ansprechbar ist, dem sie zeigen können, wo es gerade klemmt.

Das heißt, mehr Schulung für die Verwaltung?

Es gibt viele gute Verwaltungsmitarbeiter. Aber wir haben auch eine Reihe Kollegen, die nur gelernt haben, das Verfahren abzuarbeiten und nicht mehr den Menschen vor sich sehen. Gehen Sie mal in eine Arbeitsagentur. Dort sitzt eine 60 Jahre alte Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat und Unterstützung braucht und erlebt eine Mitarbeiterin, Anfang 30, die ihr sagt: „Das Dokument haben sie nicht mitgebracht? Dann kann ich heute nichts für sie tun. Kommen sie nächste Woche wieder.“ Das hat nichts mit der Anerkennung der Lebensleistung zu tun. Die Angestellte hatte das Glück, eine Verwaltungsausbildung machen zu können. Die Seniorin hatte das nicht, fühlt sich dafür bestraft und zudem noch arrogant angegangen. Einen solchen Umgang können wir uns nicht leisten.

Wie kann es denn gehen mit der Integration der Ostdeutschen?

Ich finde das Modell der Begegnungsstätten unheimlich gut geeignet. In Chemnitz haben wir etwa so eine Einrichtung in einem sozialen Brennpunktbereich gebaut. Da geht nicht nur der Flüchtling hin, sondern es kommen auch deutsche Mitbürger. Denn es geht doch darum, die Kommunikation miteinander zu pflegen. Es ist deutlich leichter, wenn ich eine Begegnungsstätte um die Ecke habe, als wenn es nur einen Seniorentreff gibt, in den ich nicht gehöre, weil ich noch nicht alt bin oder mich nicht so fühle. Es geht um Zusammenhalt und nicht darum, eine Gruppe besser zu unterstützen als andere. Es ist ein wichtiges Gefühl, Wissen und Erfahrung weitergeben zu können. Gerade in der Flüchtlingshilfe sind mir viele Menschen begegnet, die in ihrem Engagement Anerkennung für ihre Lebensleistung finden. Eine Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn wir wirklich niemanden ausgrenzen.

Können nicht gerade die Ostdeutschen mit ihrer Umbrucherfahrung Flüchtlingen am besten helfen, für die ja auch auf einmal alles anders ist?

Viele haben gar nicht verinnerlicht, dass wir vor einer ganz ähnlichen Situation gestanden haben. Der Unterschied ist vor allem die gemeinsame Sprache, die einen einfacheren Zugang geschafft hat. Es gibt natürlich auch diejenigen, die erklären, sie hätten nicht Fuß fassen, sich nicht entwickeln und auch ihre persönlichen Bedürfnisse nicht realisieren können und daher wollen sie nicht, dass dieses Privileg nun anderen zuteilwird. Aber die Mehrheit sieht das anders. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass auch Menschen aus den alten Bundesländern von uns Ossis lernen.

Fragen die westdeutschen Kollegen denn nach Ihren Erfahrungen?

Ich bekomme wenig Feedback von politischen Interessenvertretern. Das Thema Nachwende scheint eher lästig und unbequem zu sein. Noch schlimmer ist aber, dass man durchaus auch von Ossis hört: „Lasst uns doch mit dem Thema in Ruhe, das ist längst gegessen.“ Ich bin sicher, dass es das nicht ist. Die letzten Wahlumfragen zeigen doch, dass es in den Zustimmungswerten für die AfD ein Ost-West-Gefälle gibt, aber auch, was die Zustimmung für sozialdemokratische Positionen angeht. In der neuen Bertelsmann-Studie sehen wir auch, dass Menschen auf populistische Thesen reinfallen, wenn auch nicht in Größenordnungen wie in den USA – noch nicht. Wenn Verwaltung und Politik nicht anders arbeiten und menschlicher auftreten, kann es auch in Deutschland diese Entwicklungen geben.

Wenn man Ihren Erklärungen zur Nachwendezeit folgt, kann man schon zu dem Schluss kommen, dass von Helmut Kohls „blühende Landschaften“ wenig eingetroffen ist.

Sachsen und die neuen Bundesländer generell haben eine tolle Entwicklung genommen. Es gibt die blühenden Landschaften, auch wenn es noch einiges zu tun gibt. Aber es zählt nicht nur, wie viele Straßen gebaut oder Schulen saniert wurden. Damit es eine lebendige Gesellschaft gibt, müssen an erster Stelle die Menschen zusammen gehalten werden.

Dieses Interview erschien in der August-Ausgabe des Couragiert-Magazins.

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