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von Tom Waurig

Eine Antwort auf Hitlers Hetzschrift

Mein Kampf

Wana Limar (links) und Mosche Dagan erzählen in „Mein Kampf – gegen Rechts“ ihre Geschichten. (Foto: PR)

In der Silvesternacht erlosch der Urheberrechtsschutz von Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“. 70 Jahre nach seinem Tod hat nun jedermann die Möglichkeit, den Zweibänder neu aufzulegen. Bis zuletzt hatte der Freistaat Bayern, dem die Rechte nach dem Zweiten Weltkrieg übertragen wurde, versucht, eine Veröffentlichung zu verhindern – erfolglos. Darüber hinaus arbeitet das Münchner Institut für Zeitgeschichte bereits fünf Jahre an einer kommentierten Fassung, die ab dem 8. Januar 2016 zum Verkauf steht.

Die erneute Veröffentlichung von Hitlers Hetzschrift wird kontrovers diskutiert. Einerseits gilt es als Quelle zur Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus, Lehrerverbände und Minister fordern sogar eine Lektüre im Unterricht. Auf der anderen Seite kritisieren viele die Neufassung als einen Affront gegenüber Opfern, Hinterbliebenen und all denjenigen, die sich auch heute noch gegen rechtsextremes Gedankengut einsetzen. Zum Kreis der Kritiker zählt auch die international bekannte Werbeagentur Ogilvy&Mather.

Trügerisch ruhige Phasen

Das Unternehmen stört vor allem der Zeitpunkt der Wiederauflage, weil „Pegida boomt, Flüchtlingsheime brennen und Terroranschläge von rechten Parteien genutzt werden, um Vorurteile und Hass zu schüren“. Im Europaverlag erscheint deshalb Mitte Januar ein Buch mit dem Titel „Mein Kampf – gegen Rechts“. Unterstützung gibt es unter anderem von Blogger und Journalist Sascha Lobo: „Zivilgesellschaft heißt, jeden Tag aufs Neue für sie einzustehen. Dabei mag es trügerisch ruhige Phasen geben, aber es bleibt ein immerwährender Kampf. Und wenn man ihn nicht kämpft, gewinnt der Hass“.

In dem 168 Seiten starken Buch erzählen elf Menschen ihre Geschichte – jene, die tagtäglich mit Neonazis und rechtsextremer Gewalt zu tun haben und dagegen aufbegehren. Mit dabei ist zum Beispiel Wana Limar. Die junge Frau wuchs als afghanisches Flüchtlingskind in Deutschland auf und versucht als MTV-Videostar und Modebloggerin anderen Migranten Mut zu machen. Andreas Hollstein, Bürgermeister einer Kleinstadt im Saarland, musste mitansehen, wie eine Unterkunft für Asylsuchende brannte. Und Robert Koall, der in Dresden erlebt, wie normale Bürger den oft dumpfen Pegida-Parolen folgen.

Angekommen in der Hölle

Zu den Autoren gehört auch der Holocaustüberlende Mosche Dagan, der erst durch seine Enkelin verstand, wie wichtig es ist, seine Geschichte weiterzutragen. „Mit Hunden trieben sie uns zum Bahnhof von Blizyn, drängten uns in den Zug und schlossen die Türen hinter uns. Zwei Tage lang reisten wir in dem überfüllten Waggon, eng aneinandergepresst, ohne Wasser, ohne Essen und ohne eine Ahnung davon, wohin die Reise führte. Als wir schließlich aus dem Zug stiegen, wandte ich mich an einen der Kapos: ‚Wo sind wir hier?‘ – ‚In der Hölle‘, antwortete er. Er sollte recht behalten: Wir waren in Auschwitz angekommen“, schreibt Dagan.

Mit dem Buchprojekt wollen die Macher das Engagement gegen Rechtsextremismus auch ganz praktisch unterstützen. Vom Erlös jeden Buches geht 1 Euro an den Verein „Gesicht Zeigen!“.

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