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von Thomas Grumke

Was hinter den „Grauen Wölfen“ steckt

Ultranationalisten

Ideologisch propagiert die Ülkücü-Bewegung eine weltweite Vereinigung der Türken. (Foto: Matthias Berg)

Es war ein Zeichen mit Symbolkraft: Beim Wahlkampfauftritt des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu Anfang März in Hamburg wurde aus den jubelnden Massen heraus der Gruß der „Grauen Wölfe“ gezeigt – Zeigefinger und kleiner Finger sind abgespreizt, der Mittel- und Ringfinger werden nach vorne gestreckt und auf den Daumen gelegt. Die Geste formt den Kopf eines Wolfs. Auch dem AKP-Minister Çavuşoğlu selbst wird vorgeworfen, diesen Gruß nach Ende seiner Rede benutzt zu haben. Der Verfassungsschutz prüft den Vorfall. Doch was steckt eigentlich dahinter?

Die Ülkücü-Bewegung – auch „Graue Wölfe“ genannt – entstand Mitte des 20. Jahrhunderts und ist dem türkischen rechtsextremistischen Spektrum zuzurechnen. Der „Graue Wolf“ ist eine Figur aus dem vorislamischen Entstehungsmythos der türkischen Stämme. Ideologisch vertritt die Ülkücü-Bewegung das hehre Ziel einer weltweiten Vereinigung der Türken in einem fiktiven Land „Turan“, in dem alle Turkvölker vom Balkan bis zur Behringstraße vereint sind. Daher ist auch der Begriff Türk Dünyası (türkische Welt) in fast allen Veröffentlichungen der Bewegung anzutreffen.

„Naturgegebene Überlegenheit“

Des Weiteren vertreten die „Grauen Wölfe“ die türkische Auslegung des sunnitischen Islams in Form der sogenannten „Türkisch-islamischen Synthese“. Diese ist existentieller Bestandteil der Bewegung und findet ihren Ausdruck im Ülkücü-Slogan: „Islam ist unsere Seele, Türkentum ist unser Leib“. Zur Ideologie gehört gleichsam der Begriff „Rasse“, der jedoch von unterschiedlichen Strömungen eher kulturell interpretiert wird – im Sinne eines Ethnopluralismus. Teilweise werden auch die Kurden als Türken anerkannt, wenn sie sich vorbehaltlos zum Türkentum bekennen oder sie werden als ein Zweig der Turkstämme betrachtet. Für andere Ülkücü-Gruppierungen sind die Kurden hingegen Angehörige einer anderen, unterlegenen „Rasse“ und somit „ewige Feinde“, die versklavt gehören.

Der Gedanke der Überlegenheit der „türkischen Rasse“ gegenüber allen anderen Nationalitäten und Ethnien offenbart sich in Slogans wie „Es lebe die erhabene türkische Rasse“ und „Wenn Du ein Türke bist, sei Stolz. Wenn Du keiner bist, gehorche!“. Die hierarchische Struktur der Ülkücü-Bewegung ist auf den „Başbuğ“ (Führer) ausgerichtet. Der 1917 in Zypern geborene und 1997 in Ankara gestorbene Alparslan Türkeş wird als „ewiger Führer“ der Bewegung verehrt.

Feindschaft und Verschwörungen

Die Ideologie der Bewegung propagiert zahlreiche Feindbilder und Verschwörungstheorien, die als Erklärungsmuster für negative Ereignisse oder Entwicklungen aller Art – von alltäglichen Problemen bis hin zu Naturkatastrophen – dienen. Als Feinde gelten Amerikaner, Juden, Kurden, Armenier und andere politische Gegner. Im Zentrum der Verschwörungstheorien steht die jüdische Weltherrschaft. Neben diesem Antisemitismus und der ablehnenden Haltung gegenüber den USA wird oft die Feindschaft mit den Freimaurern betont. Die „christliche Welt“ gilt ebenfalls als Feind des Türkentums.

Welchen Feinden der Kampf der Bewegung gilt, ergibt sich auch aus dem Ülkücü-Eid, der sogenannte „Schwur der Idealisten“, den die Anhänger ableisten: „Ich schwöre bei Allah, dem Koran, dem Vaterland, bei meiner Flagge. Meine Märtyrer, meine Frontkämpfer sollen sicher sein, wir die idealistische türkische Jugend, werden unseren Kampf gegen Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus und jegliche Art von Imperialismus fortführen. Unser Kampf geht bis zum letzten Mann, bis zum letzten Atemzug, bis zum letzten Tropfen Blut. Unser Kampf geht weiter, bis die nationalistische Türkei, bis das Reich Turan erreicht ist. Wir, die idealistische Jugend, werden niemals aufgeben, nicht wanken, wir werden siegen, siegen, siegen. Möge Allah die Türken schützen und sie erhöhen.“

Netzwerke außerhalb der Türkei

Dieses Treuegelöbnis, das auf zahlreichen Internetseiten der Bewegung nachzulesen ist, wird auch in Deutschland gesprochen – oft zu Beginn von Partei- oder auch Kulturveranstaltungen der Bewegung. Die psychologische Wirkung des Textes wird dabei häufig durch die gleichzeitige Präsentation der türkischen Nationalflagge verstärkt. In der Ülkücü-Terminologie werden islamische und nationalistische Begriffe miteinander verflochten.

Ihr umfangreiches Netzwerk im Internet ermöglicht es der Ülkücü-Anhängerschaft in engem Kontakt zu bleiben und Informationen auszutauschen. Über eine Reihe an Fernsehkanälen, die von Europa bis nach Asien ausstrahlen, verbreitet die Bewegung ihre Ideologie über den ganzen Globus. Obwohl die Anhänger der „Grauen Wölfe“ früher mit Erdogans AKP verfeindet waren, scheint sich nach dem gescheiterten Putschversuch ein nationalistisches Bündnis zu bilden, das auch in Deutschland zutage tritt. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht ist die Rede von 7000 „Grauen Wölfen“ in Deutschland, die in 170 Vereinen organisiert sein sollen. Diese Entwicklung gilt es im Sinne einer wehrhaften Demokratie genau zu beobachten.

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