Aktuelles Magazin

von Susanne Kailitz

Weil jeder besonders ist

Kita-Projekt

„Wir überreden Kinder nicht dazu, zu malen oder zu basteln“, so Kita-Leiterin Nancy Schneider. (Foto: Rolf van Melis)

Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Meinung gehört wird. Doch was in der Theorie gut klingt, ist in der Praxis schon komplizierter. Partizipation funktioniert aber durchaus auch im Kindesalter, wie ein Projekt des Deutschen Kinderhilfswerks zeigt.

Einmal pro Woche, immer am Donnerstag, nimmt Inge Hinz sich besonders viel Zeit für „ihre“ Kinder. Und die nutzen das Angebot der „Kindersprechstunde“ rege: Rund 15 Kinder kämen in der Regel zu ihr und erzählten von allem, was sie bewege, so die Kita-Leiterin. „Sie sprechen darüber, was sie gut finden und was sie erlebt haben. Und es geht um ihre Sorgen: dass es etwa ein Kind in der Kita gibt, das andere immer wieder haut. Oder sie beschweren sich darüber, dass Mama und Papa daheim immer wollen, dass sie aufräumen.“ Das Problem der elterlichen Ordnungserwartung kann Inge Hinz nicht aus der Welt schaffen. Meist aber gelingt es ihr, gemeinsam mit den Kindern eine Lösung zu finden: „Für den aggressiven Jungen haben sie eine Stopp-Kelle gebastelt. Und als sich neulich Kinder darüber beklagt haben, dass eine Erzieherin einen toten Vogel einfach über den Zaun geworfen hat, statt die Tierrettung anzurufen, haben wir gemeinsam mit ihr darüber geredet, dass die Kinder das richtig doof fanden“.

Dass Kinder mitreden und mitbestimmen dürfen, wird in Inge Hinz‘ Kita „Fliederhof II“ im Alltag gelebt. Schon vor einigen Jahren hat sich die Einrichtung eine Kita-Verfassung gegeben. Auch einen Kinderrat gibt es, der in alle wichtigen Entscheidungen einbezogen wird. Dass auch schon Kinder mitreden können, wenn es um ihre Belange geht, wird hier ganz selbstverständlich gelebt. Rund 130 Kinder werden im Magdeburger Norden von 23 Erzieherinnen betreut. Und geht es nach der Kita-Leitung, werden Vielfalt und Mitbestimmung künftig noch größer geschrieben. Mit zwei anderen Einrichtungen nimmt der Fliederhof am Modellprojekt „bestimmt bunt – Vielfalt und Mitbestimmung in der Kita“ des Deutschen Kinderhilfswerks teil. Gefördert wird es vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ und setzt darauf, dass schon Kinder ihre Rechte kennen und lernen sollen, um im Kita-Alltag so miteinander zu leben, dass Vielfalt wertgeschätzt wird und die Kinder sie aktiv mitgestalten können.

Partizipation trifft auf Inklusion

Weil es dafür nicht nur Kenntnisse und Methoden, sondern vor allem eine bestimmte Kultur des Miteinanders brauche, setze man in dem Modellprojekt nicht nur auf einzelne Mittler, sondern auf ganze Teams, erklärt Elisa Bönisch, Leiterin der Fachstelle Kinderrechtebildung beim Deutschen Kinderhilfswerk. „Wäre nur eine einzelne Kollegin in einer Einrichtung für Themen wie demokratische Bildung und Inklusion zuständig, wäre sie überfordert. Es ist ein so komplexer Qualifizierungsprozess, dass wirklich alle mitmachen müssen.“ Inklusion beschränkt sich hier nicht darauf, dass Kinder mit Behinderungen in einer Regelkita betreut werden. Der Gedanke geht viel weiter: So wie es auf der ganzen Welt Menschen mit verschiedenen Eigenschaften und Bedürfnissen gibt, gibt es diese Vielfalt ganz selbstverständlich auch in der Kita – und niemand soll ausgeschlossen werden.

An der ersten Projektphase nehmen zwei Magdeburger und eine Berliner Kita teil. Während die beiden Einrichtungen in Sachsen-Anhalts Hauptstadt schon Erfahrungen in Sachen Partizipation haben, ist man in Berlin besonders mit Inklusion vertraut. Nun geht es für die Einrichtungen darum, sich auch in das jeweils andere Thema zu vertiefen. Die Teams werden in dieser Phase von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren geschult, parallel dazu entwickle ein Expertenbeirat ein integriertes Fortbildungskonzept. Später kämen dann sechs Einrichtungen hinzu, für die diese Themen Neuland seien, heißt es vom Kinderhilfswerk.

Zuständig für die fachliche Schulung sind zwei renommierte Fortbildungsinstitutionen: das Institut für Partizipation und Bildung in Kiel und die Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung im Institut für den Situationsansatz in Berlin, kurz: ISTA. Beide Ansätze – Partizipation auf der einen und vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung auf der anderen Seite – sollen langfristig in einem gemeinsamen Konzept zusammengeführt werden. Das klinge simpel, sei aber eine immense Herausforderung, sagt Rüdiger Hansen, Sozialpädagoge am Kieler Institut: „Das ist der Versuch, zwei pädagogische Ansätze, die jeweils sehr ausgereift sind, in Übereinstimmung zu bringen. Wir wissen im Grunde, dass das eine ohne das andere nicht geht, aber bislang werden beide Konzepte immer getrennt angewendet und wir sind gespannt, wie es in der didaktischen Vermittlung funktionieren wird, die beiden unterschiedlichen Perspektiven auf Demokratiebildung zusammenzubringen“.

In Magdeburg freut man sich schon sehr auf die Weiterbildungen, die im November starten sollen. Die Kita „Bussi Bär“, eine Einrichtung des Trägers „Independent Living“, die auch den „Fliederhof II“ betreibt, hat bereits mit dem Kielern zusammengearbeitet. „Rüdiger Hansen und sein Team haben einen ganz besonderen Blick auf Kinder und geben uns immer wieder richtig gute Denkanstöße“, sagt die stellvertretende Kita-Leiterin Nancy Schneider, „das bringt uns in der Arbeit unglaublich weiter.“ Dass Kinder schon im Kitaalter mitbestimmen wollen und können, ist ein Ansatz, der noch lange nicht in allen Einrichtungen gelebt wird. Während es in vielen deutschen Kitas noch immer feste Gruppen mit vorgegebenem Aktivitätenplan gibt, können die „Bussi-Bär“-Kinder regelmäßig neu entscheiden, welche Angebote sie annehmen.

Kinder entscheiden eigenständig

„Wir überreden Kinder nicht dazu, zu malen oder zu basteln“, erklärt Schneider, „weil wir glauben, dass Druck kontraproduktiv ist. Wir Erwachsenen wissen doch selber, wie viel motivierter wir für Dinge sind, für die wir uns interessieren und die wir gern tun“. In den verschiedenen Räumen der Kita stünden ganz unterschiedliche Angebote für diverse Interessen bereit. In den verschiedenen Funktionsräumen etwa zum Forschen, Bauen oder Puppenspielen finde sich für jedes Kind das Richtige und die Erzieherinnen haben die Erfahrung gemacht, dass die Mädchen und Jungen selbst am besten wissen, was ihnen gerade gut tut.

Auch in Sachen Außengelände haben die Kinder mitreden dürfen. „Wir hatten im Garten lange einen kleinen unbepflanzten Berg“, erinnert sich Schneider, „wer dort gespielt hat, war eigentlich immer dreckig – je nach Wetterlage staubig oder matschig. Irgendwann hieß er ‚der Schimpfeberg’, weil die Erzieherinnen die Kinder oft wegscheuchen mussten. Dann haben wir gemeinsam mit den Kindern überlegt, wie wir daraus etwas Gutes machen können“. Heute wird am „Bussi-Bär(g)“ nicht mehr gemeckert, sondern getobt und geklettert; Holzbohlen und Tunnel machen den kleinen Hügel im Wortsinne zum Höhepunkt der Außenanlage.

Mit der Teilhabe der Kinder hat man hier gute Erfahrungen gemacht. Nun ist das Team gespannt auf die neuen Erkenntnisse in Sachen Vielfalt. Etwa 160 Kinder aus 13 Nationen würden betreut, sagt Nancy Schneider, „und wir würden uns wünschen, dass diese Kinder ihre Kultur stärker einbringen würden. Bislang passiert das noch wenig“. Aktuell gebe es in der Magdeburger Kita keine Kinder mit Fluchterfahrungen, aber auch darauf müsse das Team vorbereitet sein, ebenso auf Kinder mit Behinderungen. Auch sie sollen ohne Barrieren mitbestimmen und mitmachen dürfen.

Denn die Kinderrechte, das ist die Botschaft des Deutschen Kinderhilfswerks, gelten für alle Mädchen und Jungen – egal, wo sie herkommen und egal, ob sie Behinderungen haben oder nicht. „Wir wollen die Kinder in ihrer eigenen Individualität stärken“, sagt Elisa Bönisch, „sie machen die Erfahrung, dass jeder Mensch durch seine vielen verschiedenen Eigenschaften besonders ist – und dass es nicht gerecht ist, dass andere ausgeschlossen werden.“

Das Couragiert-Magazin begleitet das Bundesprogramm des Familienministeriums als Medienpartner. Mehr Artikel finden Sie unter www.couragiert-magazin.de/demokratieleben.html.

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