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von Tonio Oeftering

Integration: Mehr Bildung, bitte!

Einwanderungsland

Welch große Bedeutung die Bildung spielt, wird auffallend wenig behandelt. (Foto: Katja Heinemann)

Eine Million Flüchtlinge wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert. Gut ein Drittel kam aus Syrien, das von Jahren des Bürgerkriegs zerrüttet ist, etwa genauso viele haben den Westbalkan verlassen, um im Herzen Europas Asyl zu finden. Andere Herkunftsstaaten sind Afghanistan, Eritrea oder Pakistan. Die Hälfte der hier lebenden Asylsuchenden sind jünger als 25 und nur ein Viertel älter als 35 Jahre – soweit die Zahlen. Der Großteil von ihnen wird bleiben, in der Hoffnung nach einer friedlichen Zukunft. Ein beachtlicher Teil der Flüchtlinge ist in einem Alter, in dem „viele Weichen für die Zukunft gestellt werden“ (Beate Küpper) oder sogar müssen.

Einwanderung ist selbstverständlich kein neues Phänomen. Der Zuzug von anderen Menschen wurde auch schon in früheren Jahren als bedrohlich angesehen. Nichtsdestotrotz ist durch die gegenwärtige Situation ein Handlungsdruck von neuer Qualität entstanden. Die öffentliche Auseinandersetzung über Umgang und Folgen wurde förmlich erzwungen.

Angela Merkels mitmenschliche Maxime „Wir schaffen das“ hilft außerdem nur bedingt weiter, wenn, wie der Sozialpsychologe Ulrich Wagner anmerkt, nicht auch die Frage nach dem „Wie“ beantwortet wird. Welch große Bedeutung die Bildung dabei spielt, wird im gesellschaftlichen Diskurs auffallend wenig zur Kenntnis genommen, geschweige denn behandelt.

Das Lernumfeld ändert sich

Die Integration von Flüchtlingen gelingt überhaupt nur dann, wenn sie als gesamtgesellschaftliche Herausforderung verstanden wird. Es liegt eben nicht nur an denjenigen, die neu nach Deutschland kommen, sondern es ist auch eine Bildungsaufgabe für die bereits hier Lebenden. Allein die vielen Lehrerinnen und Lehrer werden sich zukünftig mit einer noch größeren Heterogenität ihrer Klassen konfrontiert sehen. Die Pluralisierung der biographischen und kulturellen Hintergründe zwingen Theorie und Praxis gleichermaßen, ihre Konzepte, Prinzipien und Methoden daraufhin zu überprüfen, ob sie in der jetzigen Situation noch angemessen sind oder modifiziert werden müssen.

Gefragt ist aber auch die Bildungspolitik. Die Integration als Bildungsaufgabe zu begreifen, würde nämlich gleichzeitig bedeuten, die öffentliche Finanzierung entsprechender Angebote den gegenwärtigen Herausforderungen anzupassen. Die zuletzt gehörten politischen Signale machen dahingehend wenig Mut. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhöhte etwa für 2016 die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Integrationskurses von 20 auf nunmehr 25.

Wer gehört dazu, wer nicht?

Gesamtgesellschaftlich heißt zudem auch, die Kehrseite der Medaille nicht zu verschweigen. Der Kultur des Willkommens stehen jahrelang kultivierte Ressentiments und unverhohlener Hass, brennende Flüchtlingsheime, nationalistische Demonstrationen und populistische Parteien gegenüber. Die zum Teil gewaltsame Ablehnung des Integrationsgedankens wird leider viel zu selten als ergänzende Bildungsaufgabe verstanden. An dieser Stelle ist besonders die politische Bildung gefragt! Sowohl in der Schule als auch im außerschulischen Bereich muss es darum gehen, jene Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, die Flüchtlingen ablehnend oder begegnen.

Das stellt die politische Bildung vielleicht sogar vor eine noch größere Aufgabe, als die Integration der Geflüchteten selbst. Die gegenwärtige Situation zwingt uns also dazu, zu fragen, in welcher Gesellschaft wir in Zukunft leben wollen. Die inzwischen weit fortgeschrittene Polarisierung zwischen Willkommenskultur und Brandanschlägen zeigt, wie virulent diese Frage eigentlich ist.

Und an diesem Punkt wird noch einmal deutlich, dass die Bewältigung der sogenannten „Flüchtlingskrise“ nicht nur eine allgemeine Bildungsaufgabe ist, sondern vor allem eine politische. Letztendlich wird nichts anderes verhandelt, als die Frage, wie unser Gemeinwesen aussehen soll, wer dazu gehört und ausgeschlossen bleibt.

Alle Beiträge von Politikdidaktik-Professor Tonio Oeftering lesen Sie hier.

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